Ermutigung und Selbstermutigung – die Kraft, die Menschen wachsen lässt

Blog Artikel – Ermutigung und Selbstermutigung – die Kraft, die Menschen wachsen lässt

Kennst du das Gefühl, dass ein einziges ermutigendes Wort plötzlich neuen Mut geben kann? Dass jemand an dich glaubt und dadurch plötzlich Dinge möglich erscheinen, die vorher unerreichbar wirkten?

Ermutigung ist ein zentraler Begriff der Individualpsychologie. Sie beschreibt eine Haltung, die Menschen stärkt, ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fördert und ihnen hilft, ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden und sich als Teil davon zu erleben. Dieser Blogartikel zeigt, was die Individualpsychologie unter Ermutigung und Selbstermutigung versteht, weshalb sie im Alltag so wichtig ist und wie sie konkret in Beziehungen, im beruflichen oder schulischen Umfeld sowie im sozialen Umfeld gelebt werden kann. Du erfährst zudem, wie Selbstermutigung entsteht und welche kleinen Schritte im Alltag helfen können, mehr Mut und Zuversicht zu entwickeln.

 

Was versteht die Individualpsychologie unter Ermutigung?

In der Individualpsychologie nach Alfred Adler spielt Ermutigung eine zentrale Rolle. Sie gilt als eine der wichtigsten Haltungen im Umgang mit Menschen – sowohl in der Beratung als auch im Alltag. Ermutigung ist mehr als Lob oder Anerkennung für eine gute Leistung. Sie geht tiefer. Sie stärkt das Vertrauen eines Menschen in die eigenen Fähigkeiten. Dabei stehen nicht perfekte Ergebnisse im Mittelpunkt, sondern der Einsatz, die Bemühungen und die kleinen Schritte der Entwicklung. Genau dadurch wachsen die innere Motivation und das Gefühl, dazuzugehören.

Der Individualpsychologe Theo Schoenaker beschreibt Ermutigung als eine Haltung, die Menschen hilft, Mut zur Unvollkommenheit zu entwickeln. Niemand muss perfekt sein, um wertvoll zu sein. Gerade die Erfahrung, auch mit Fehlern akzeptiert zu werden, stärkt das Selbstvertrauen und das Gemeinschaftsgefühl.

Auch Jürg Frick betont in seinen Arbeiten, dass Ermutigung Menschen unterstützt, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken und zu nutzen. Sie vermittelt: Du bist wertvoll, du kannst etwas beitragen, und dein Beitrag zählt.

Ermutigung steht damit in engem Zusammenhang mit einem Grundgedanken der Individualpsychologie: der Gleichwertigkeit aller Menschen. Jeder Mensch hat denselben Wert – unabhängig von Leistung, Erfolg oder Status.

 

Wieso ist Ermutigung so wichtig?

Jeder Mensch erlebt im Leben Situationen, in denen Zweifel, Unsicherheit oder das Gefühl von Minderwertigkeit auftauchen. Diese Gefühle sind normal und gehören zum Menschsein.

Die entscheidende Frage ist jedoch: Was hilft uns, trotzdem weiterzumachen und uns weiterzuentwickeln?

Hier setzt die Ermutigung an.

Ermutigung wirkt wie ein innerer Motor. Sie stärkt die Zuversicht, Herausforderungen anzunehmen und neue Wege zu wagen. Menschen, die ermutigt werden, entwickeln häufiger:

  • Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten
  • Mut, Fehler zuzulassen
  • Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen
  • Ein stärkeres Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.


Ermutigung wirkt damit nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf Beziehungen und Gemeinschaften. In einer Atmosphäre der Ermutigung entsteht Kooperation statt Konkurrenz.

Besonders wichtig ist dabei ein Perspektivenwechsel:

Nicht Perfektion macht einen Menschen wertvoll, sondern seine Bereitschaft, sich einzubringen und weiterzuentwickeln.

Zitat - Der Mensch braucht Ermutigung, wie die Blume Sonnenlicht und Wasser.

Wie zeigt sich Ermutigung im Alltag?

Ermutigung ist keine grosse Theorie. Sie zeigt sich in kleinen Momenten des Alltags. Oft sind es einfache Worte oder Gesten, die einem Menschen Mut geben.

Im Folgenden werden vier zentrale Bereiche betrachtet, in denen Ermutigung besonders wichtig ist:

  • Beziehungen
  • Berufliches oder schulisches Umfeld
  • Soziales Umfeld
  • Selbstermutigung

 

Ermutigung in Beziehungen

Beziehungen sind einer der wichtigsten Orte für Ermutigung. Gerade in Partnerschaften oder Familien entscheidet die Haltung der Beteiligten darüber, ob sich Menschen sicher und angenommen fühlen.

Ermutigung bedeutet hier, den anderen Menschen in seiner Entwicklung zu unterstützen, statt ihn zu bewerten oder zu kritisieren. 


Beispiel aus dem Alltag

Eine Partnerin erzählt ihrem Partner beim Abendessen von einer neuen beruflichen Idee. Sie ist unsicher, ob sie diesen Schritt wirklich wagen soll.

Eine ermutigende Haltung könnte so klingen:

„Ich finde es spannend, dass du darüber nachdenkst. Was wäre dein erster kleiner Schritt?“

Durch diese Haltung passiert etwas Entscheidendes:

  • Die Person fühlt sich ernst genommen
  • Ihr Vertrauen in die eigene Idee wächst
  • Sie traut sich eher, den nächsten Schritt zu wagen


Ermutigung stärkt damit nicht nur die einzelne Person, sondern auch die Beziehung selbst. Sie vermittelt Respekt und Vertrauen.

Paar auf dem Sofa in einer ermutigenden Diskussion

Ermutigung im beruflichen oder schulischen Umfeld

Auch im Arbeitsleben oder in der Schule spielt Ermutigung eine wichtige Rolle. Menschen lernen und entwickeln sich besonders gut in einer Atmosphäre, in der Fehler erlaubt sind und Beiträge wertgeschätzt werden.

Gerade Führungskräfte, Lehrpersonen oder Ausbildner/innen können hier einen grossen Unterschied machen.

 

Beispiel aus dem Arbeitsalltag

Ein Mitarbeitender präsentiert erstmals ein Projekt vor seinem Team und merkt, dass er dabei ziemlich nervös ist.

Eine ermutigende Rückmeldung könnte lauten:

„Du hast ein spannendes Projekt vorgestellt. Besonders gut fand ich deine Ideen im zweiten Teil. Wenn du möchtest, können wir gemeinsam anschauen, wie du deine Präsentation noch klarer strukturieren kannst.“

Die Ermutigung stärkt Lernbereitschaft, reduziert Angst vor Fehlern und fördert Engagement und Eigeninitiative.

Menschen fühlen sich dadurch eher motiviert, Verantwortung zu übernehmen, Neues auszuprobieren und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Ermutigung - Vorgesetzter bespricht Projekt mit Mitarbeiterin

Ermutigung im sozialen Umfeld

Auch im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft kann Ermutigung eine wichtige Rolle spielen. Oft unterschätzen wir, wie stark kleine Worte oder Gesten auf andere Menschen wirken können.

Gerade in schwierigen Lebenssituationen kann ein ermutigendes Wort viel bewirken.

 

Beispiel aus dem Alltag

Eine Freundin erzählt, dass sie sich in einer neuen Rolle überfordert fühlt und daran zweifelt, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist.

Eine ermutigende Reaktion könnte sein:

„Du hast schon viele Herausforderungen gemeistert. Ich habe erlebt, wie sorgfältig und engagiert du arbeitest. Ich glaube, dass du auch diese Situation Schritt für Schritt bewältigen wirst.“

In solchen Situationen kann Ermutigung viel bewirken. Sie kann neue Perspektiven eröffnen, Vertrauen stärken und Hoffnung geben.

Oft genügt schon das Wissen, dass jemand an uns glaubt.

Doch nicht immer ist jemand da, der uns ermutigt. Dann wird eine andere Fähigkeit besonders wichtig: die Selbstermutigung.

Ermutigung: Zwei Freundinnen die sich ermutigen

Selbstermutigung – die innere Kraftquelle

Neben der Ermutigung durch andere Menschen spielt auch die Selbstermutigung eine wichtige Rolle.

Selbstermutigung bedeutet, sich selbst mit einer wohlwollenden Haltung zu begegnen und sich Mut zuzusprechen – besonders in schwierigen Situationen.

Viele Menschen sind jedoch sehr streng mit sich selbst. Sie kritisieren sich stark, wenn etwas misslingt oder nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Dadurch entsteht häufig Druck oder das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Selbstermutigung bedeutet, freundlicher und verständnisvoller mit sich selbst zu sprechen.


Beispiel aus dem Alltag

Eine Person hält einen Vortrag und merkt danach, dass nicht alles so gelungen ist, wie sie es sich vorgestellt hat.

Eine selbstermutigende Haltung könnte lauten:

„Ich war nervös, aber ich habe mich getraut, vor vielen Menschen zu sprechen. Das ist ein wichtiger Schritt. Beim nächsten Mal kann ich mich noch besser vorbereiten.“

Diese Haltung bewirkt:

  • Mehr Gelassenheit im Umgang mit Fehlern
  • Grössere Lernbereitschaft
  • Mehr Mut, Neues auszuprobieren


Selbstermutigung stärkt damit das Selbstvertrauen und hilft, Herausforderungen konstruktiv zu begegnen.

Junge Frau spricht sich im Spiegel Ermutigung zu

Kurze Selbstreflexionsübung: Wo erlebst du Ermutigung in deinem Leben?

Manchmal hilft es, einen Moment innezuhalten und sich bewusst zu fragen, wo Ermutigung im eigenen Leben eine Rolle spielt.

Nimm dir einen Moment Zeit und überlege:

  • Wer hat dich in deinem Leben besonders ermutigt?
  • Welche Worte oder Gesten haben dir damals Mut gemacht?
  • In welchen Situationen bist du eher streng mit dir selbst statt selbstermutigend?
  • Wie würdest du mit einer guten Freundin oder einem guten Freund sprechen, der/die in derselben Situation ist?

Diese Fragen können helfen, die eigene Haltung bewusster wahrzunehmen. Oft stellt man dabei fest, dass man anderen Menschen gegenüber sehr verständnisvoll ist – sich selbst jedoch deutlich kritischer beurteilt.

Selbstermutigung bedeutet, diese wohlwollende Haltung auch sich selbst gegenüber zu entwickeln.


Eine kleine Übung für den Alltag kann sein:

Am Ende eines Tages kurz innehalten und sich fragen:

  • Was ist mir heute gelungen?
  • Wo habe ich Mut gezeigt – auch wenn es nur ein kleiner Schritt war?

Diese einfache Form der Selbstermutigung stärkt langfristig das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

 

Was kannst du konkret für mehr Ermutigung tun?

Ermutigung ist keine angeborene Fähigkeit. Sie lässt sich bewusst entwickeln. Einige einfache Schritte können helfen, Ermutigung stärker im Alltag zu leben.

  • Den Blick auf Stärken richten
    Statt nur Fehler zu sehen, lohnt es sich, bewusst wahrzunehmen, was bereits gelingt.
  • Fortschritte anerkennen
    Ermutigung würdigt den Weg, die Entwicklung, nicht nur das Ergebnis.
  • Fehler als Lernchance betrachten
    Fehler gehören zum Leben. Eine ermutigende Haltung sieht darin Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.
  • Die eigene Selbstermutigung stärken
    Ein hilfreicher Impuls kann sein: eigene Fortschritte bewusst wahrzunehmen, kleine Erfolge zu notieren, sich selbst mit mehr Freundlichkeit zu begegnen.

 

Fazit – warum sich Ermutigung lohnt

Ermutigung und Selbstermutigung sind zentrale, ganzheitliche Kräfte für persönliches Wachstum, Zuversicht und Lebensfreude. Sie helfen Menschen, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln und ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Wer ermutigt wird – oder sich selbst ermutigt – erlebt:

  • Mehr Mut und Freude im Alltag
  • Grössere Gelassenheit im Umgang mit Fehlern
  • Stärkere Beziehungen und tiefere Verbundenheit
  • Ein stärkeres Gefühl von Selbstwert und Selbstvertrauen

Ermutigung ist damit weit mehr als ein freundliches Wort. Sie ist eine Haltung, die Menschen stärkt und Entwicklung ermöglicht.

Wenn wir beginnen, uns selbst und anderen mit einer ermutigenden Haltung zu begegnen, verändert sich oft mehr, als wir erwarten. Aus kleinen Gesten kann eine Atmosphäre entstehen, in der Menschen wachsen.

Der Gewinn liegt letztlich darin, dass wir lernen, uns selbst und andere als wertvoll zu erleben – gerade auch, weil wir nicht vollkommen und perfekt sind.

Quellen (Auswahl)

  • Jürg Frick: Die Kraft der Ermutigung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Theo Schoenaker: Das Leben selbst gestalten – Mut zur Unvollkommenheit. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Theo Schoenaker: Mut tut gut: RDI-Verlag
 
Tanja Burgener, individualpsychologische Beraterin

Autorin:

Tanja Burgener, Individualpsychologische Beraterin AFI und Leiterin Marketing und Bildungsberatung WISS Wirtschaftsschule für Wirtschaft Informatik Immobilien AG

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