Disziplin in der Schule – ein Beitrag zu einem aktuellen Thema
In den letzten Jahren ist „Disziplin“ immer wieder ein viel diskutiertes Thema. In Deutschland ist Bernhard Buebs Streitschrift „Lob der Disziplin“ 2006 ganz oben auf der Bestseller-Liste der vom Spiegel erhobenen Sachbücher gelandet, am 23. 10. 2006 auf Rang 2. Im Februar 2007 haben acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem Sammelband „Vom Missbrauch der Disziplin“ auf Bueb geantwortet, als Herausgeber zeichnet der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Auch aus individualpsychologischer Sicht weckt Buebs „Lob der Disziplin“ Widerspruch und Kritik. Rüedi (2007) plädiert im Gegensatz zu Bueb für ein flexibles Verständnis von Disziplin und Klassenführung, das von der Notwendigkeit von Führung und Lenkung in der Schule ausgeht, diese aber nicht im Sinne seines Lobes verabsolutiert. Werte wie „Disziplin“ oder „Selbstdisziplin“ müssen gelobt und zugleich wieder kritisch reflektiert werden, sonst laufen sie Gefahr, zu dogmatischen Handlungsanleitungen zu verkommen. Humor, Flexibilität und Liebe zum Menschen sind wichtige Verbündete für die Lehrpersonen und ermöglichen im schulischen Alltag eine flexible und menschenwürdige Führung. Als hilfreich erweist sich dabei das Menschenbild der Individualpsychologie Alfred Adlers. Es liegt dem folgenden Beitrag zu Grunde.
Zu den Begriffen „Disziplin“ und „Klassenführung“
Hören wir „Disziplin“ oder „Klassenführung“, kommen uns die verschiedensten Assoziationen in den Sinn: Ordnung, Ein- oder Unterordnung, nur dann zu sprechen, wenn man gefragt wird, Militär, Stillsein Der Historikerin fällt die Herleitung aus dem
Lateinischen ein, dort hiess „discipulus“ Lehrling oder Schüler, „disciplina“ das vom Schüler geforderte disziplinierte Verhalten.
Werte müssen vorgelebt und gelebt, sie können nicht verordnet werden!
Manchmal werden wir im Leben mit (Extrem)Situationen konfrontiert, die wir nicht auswählen konnten. Schülerinnen und Schüler verhalten sich daneben, Mitmenschen kommen zu spät – ev. gar nicht – an eine Verabredung oder an eine Sitzung. Dann sind wir gefordert, mit Fassung zu reagieren und nicht aus der Rolle zu fallen. Gerade in Extremsituationen zeigt sich, ob wir unsere Würde bewahren und unsere Werte umsetzen können. Alfred Adler sagte einmal, es sei schwerer, für seine Werte zu leben als für sie zu sterben. Damit sprach er eine tiefe pädagogische Wahrheit an: Wenn die Schülerin, wenn der Schüler zu einem selbständigen, verantwortungsbewussten toleranten und zur Zusammenarbeit fähigen Menschen erzogen werden soll, muss sie/er Selbständigkeit, Zusammenarbeit und Toleranz erleben können, dies ist eine Voraussetzung für jegliche Werterziehung. Werte müssen vorgelebt, sie können nicht verordnet werden. Ziele und Wege dürfen sich nicht widersprechen, so schwer uns dies manchmal fallen mag. Oder auf die Lehrkraft bezogen: Sie muss gewisse disziplinarische Rahmenbedingungen schaffen, welche gemeinsames Lernen ermöglichen. Sie versteht es, 20 oder mehr Kindern oder Jugendlichen zu helfen, freundschaftlich miteinander umzugehen, einander zuzuhören, miteinander und voneinander zu lernen und weiss dabei zugleich, dass dieses aufmerksame Zuhören nicht immer möglich sein wird. Bemühen und Streben der Lehrkraft sind wichtiger als absolute Zielerreichung, was aber trotzdem heissen kann, dass die Lehrerin Schreien und störendes Verhalten in gewissen Situationen mit Bestimmtheit unterbindet.
Lenkung und Klassenführung sind Kernbegriffe der Schulpädagogik!
Wenn man von den tagtäglichen Anforderungen in der Schule ausgeht, könnte man annehmen, dass die modernen Erziehungswissenschaften die Begriffe „Disziplin“ oder
„Klassenführung“ systematisch behandeln und empirisch beleuchten. Dem ist jedoch nicht so. Die Begriffe „Disziplin“ und „Klassenführung“ sind keine Leitbegriffe der modernen erziehungswissenschaftlichen Diskussion. Apel hält darum fest: „Wer in das gegenwärtige Gespräch über Erziehung und Unterricht … den Begriff ‚Klassenführung‘ einbringt, befindet sich am Rande der Erörterungen der Schulpädagogik“ (Apel 2002, S.7).
Angesichts der offensichtlichen Notwendigkeit von Kompetenzen in den Bereichen Disziplin und Klassenführung ist es heute jedoch kontraproduktiv, wenn diese Begriffe von den Erziehungswissenschaften vermieden werden.
Ähnlich wie bei den Begriffen „Strafe“ oder „Autorität“ kann im Anschluss an 1968 eine
„Tabuisierung“ vermutet werden, bei der „jeder zur Unperson wurde, der dieses Thema anzufassen wagte“ (Bastian 1987, S.8). Bastian möchte im Nachhinein nichts beklagen, „es war vielmehr bitter notwendig, die autoritätsfixierte ‚Kultur‘ der Nachkriegszeit, in der weder in Elternhäusern noch in Schulen und Jugendgruppen eine grundlegende Entnazifizierung stattgefunden hatte, einer grundsätzlichen Befragung und Infragestellung zu unterziehen“ (Bastian 1987, S.8).
Heute allerdings, in einer Zeit, in der Lehrkräfte oft mit dem Rücken zur Wand unterrichten und Schülerinnen und Schüler sich manchmal nicht an die elementarsten Regeln halten, ist die Klarstellung „Disziplinschwierigkeiten gehen uns alle an!“ (LCH 1998) wichtig und entlastend. Eine randständige Behandlung oder gar Tabuisierung des Begriffs „Disziplin“ ist verhängnisvoll, weil sie etwas tabuisiert, was Lehrkräfte tagtäglich tun müssen : Beeinflussen, führen, lenken und für Disziplin sorgen.
Ein flexibles Verständnis von Disziplin ist gerade in diesem Zusammenhang hilfreich, weil es die Gefahr der Einseitigkeit entschärft, zum Lenken die Seite von Verständnis hinzufügt und so auf die „Bedeutung der emotionalen Dimension im Erzieherverhalten“ (Tausch und Tausch) verweist: Disziplinarische Lenkung gelingt nur dann in bejahenswerter Art und Weise, wenn die zu Lenkenden von den wohlwollenden Absichten der Lehrkraft emotional überzeugt sind. Der Grad der erzieherischen Beeinflussbarkeit ist in den Worten Alfred Adlers davon abhängig, „inwiefern die Rechte des zu Beeinflussenden durch den Beeinflusser sichergestellt erscheinen. Eine dauernde Einwirkung auf einen Menschen, dem man Unrecht tut, ist ausgeschlossen. Man wird dann am besten auf ihn einwirken können, wenn der andere in die Stimmung versetzt ist, in der er sein eigenes Recht als gewährleistet empfindet.“ (Adler 1927/1972, S.66)
Oder in den Worten Meyers, der den pädagogischen Bezug als ein Verhältnis von Lehrenden und Lernenden beschreibt, „das in gegenseitiger Achtung und im Lehrenwollen und Lernenkönnen begründet ist. Die Betonung liegt in dieser Definition auf ‚gegenseitig‘. Ein pädagogischer Bezug kommt nur dann und nur dadurch zustande, dass sich beide Seiten als Personen wahrnehmen, achten und anerkennen. Menschlichkeit im Umgang und kommunikative Kompetenz, also die Fähigkeit, sich zuzuhören und auszutauschen, sind deshalb mehr als eine wünschenswerte Zugabe. Sie sind grundlegende Voraussetzungen für die Gestaltung des Bezugs.“ (Meyer 1997, S.37)
Wertschätzung, emotionale Wärme und Empathie sind das Fundament einer zeitgemässen Disziplin
Es gehört heute zum Grundwissen der Erziehungswissenschaft, dass der Aufbau positiver emotionaler Beziehungen zwischen Lehrkraft und Kind das A und O jeder Erziehung und Bildung ist. Erasmus von Rotterdam schrieb bereits vorausahnend: „Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer.“ Oder für Pestalozzi war die „sehende Liebe“ das Grundprinzip seiner Pädagogik. Der Individualpsychologe Erwin Wexberg setzte den Begriff des „freundschaftlichen Wohlwollens“ an die Stelle des „viel missbrauchten“ Begriffs „Liebe“:
„Die Haltung des freundschaftlichen Wohlwollens muss wirklich unerschütterlich sein. Es darf keine einzige Situation im Leben des Kindes geben, in der es das Gefühl hat, dieses Wohlwollen verloren zu haben. Wer sich leicht ärgert, ist kein guter Erzieher.“ (Wexberg 1974, S.283)
Mit diesem letzten Satz von Wexberg wären wir wieder bei den Schwierigkeiten des Umgangs mit sich selbst. Die Individualpsychologie spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit der „Selbsterziehung“ (Blumenthal 1985, S.103), welche dem Menschen ermöglicht, sein Leben bewusster, reflektierter zu gestalten, ohne sich vom Ärger auffressen zu lassen. Theo Schoenaker (1999) zeigt in seinem lesenswerten Buch „Mut tut gut“ Wege zur Selbstermutigung auf. Nur wer sich selber akzeptieren und innerlich bejahen kann, umgeht die Gefahren destruktiver Selbstgespräche und kann sich so der Gestaltung seines Lebens optimal mit all seinen Kräften zuwenden: „Lass‘ keinen Tag vergehen, ohne Dich selbst zu ermutigen“, empfiehlt Schoenaker (1999, S.229) darum. Auf unser Thema der Disziplin bezogen liesse sich sagen, dass diejenige Lehrperson ihre Klasse besser führen kann, die mit positiven Augen, mit ermutigender Grundhaltung auftreten kann. Wer sich leicht ärgert, wer hinter jeder Unaufmerksamkeit der Lernenden eine böse Absicht vermutet, hat es schwerer im Leben, zum Beispiel beim Führen seiner Klasse, denn, wie schon Wilhelm Busch bemerkte: „Wer durch des Argwohns Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut.“
Situativ angepasste Lenkung und Führung sind nötig: „Es ist gut, dass sie ein bisschen streng sind.
So verabschiedete sich die Schülerin Mélanie von ihrer Praktikantin. Zwischen wertschätzender und lenkender Erziehung muss kein Gegensatz bestehen. Im Gegenteil, Lenkung kann, wenn die emotionalen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern stimmen, als Interesse und Engagement geschätzt werden. Jugendliche wünschen keine Laisser-faire-Erziehung. Unmissverständliche Hinweise zur Schädlichkeit fehlender Lenkung und zu damit verbundener fehlender Orientierung stammen aus der Gewaltforschung. Der norwegische Gewaltforscher Dan Olweus schreibt zu den Entstehungsbedingungen von Gewalt: „Ein wichtiger Faktor ist das Ausmass der dem Kind bei aggressivem Verhalten von der ersten Bezugsperson entgegengebrachten Toleranz und Liberalität. Wenn die Bezugsperson allgemein freizügig und ‚tolerant‘ ist, ohne dem aggressiven Verhalten gegenüber Gleichaltrigen, Geschwistern und Erwachsenen Grenzen zu setzen, wird das aggressive Verhalten des Kindes wahrscheinlich zunehmen. (Olweus 1995, S.48f.)
Kinder und Jugendliche brauchen Lenkung und Erklärungen ebenso wie Wertschätzung und Achtung, wenn sie sich prosozial entwickeln sollen. Wichtig ist die Kombination dieser beiden Dimensionen, worauf Schmidtchen mit seinem „reifen Erziehungsstil“ hinweist: „Die Eltern sind in der Lage, den Kindern emotionalen Rückhalt zu geben und stellen gleichzeitig deutliche Forderungen“ (Schmidtchen 1989, S.68). Der „reife Erziehungsstil“ ist gemäss den Untersuchungen von Schmidtchen am besten dazu geeignet, Jugendliche vor Selbstschädigungen zu schützen. Gefährlich ist der „paradoxe Erziehungsstil: es werden Forderungen ohne emotionalen Rückhalt gestellt“ (Schmidtchen 1989, S.68). Hier zeigt sich wieder einmal – ganz in Übereinstimmung mit Adler sowie Tausch und Tausch – die zentrale Bedeutung der emotionalen Wertschätzung. Forderungen an die Jugendlichen können die Tendenzen zur Selbstschädigung fördern oder hemmen, entscheidend sind die emotionalen Begleitumstände, die emotionale Tönung. Von jungen Menschen etwas zu fordern und diese zu lenken genügt allein nicht, erst wenn sich Kinder und Jugendliche verstanden fühlen, vermögen sie die Forderungen und Erwartungen der Erwachsenen als verständlich und nachvollziehbar zu empfinden. „Streng, aber gerecht muss er sein.“ So antworten viele Kinder und Jugendliche auf die Frage nach dem guten Lehrer. Im „streng“ stecken Lenkung, Erwartung und Forderung, im „gerecht“ stecken emotionale Wertschätzung, Achtung und Respekt, wie sie auch von der Individualpsychologie mit ihrer Betonung der Gleichwertigkeit aller Menschen gefordert werden.
Literatur:
Adler, Alfred Menschenkenntnis. Frankfurt am Main, Fischer 1927/1972
Apel, Hans Jürgen Herausforderung Schulklasse. Klassen führen –
Schüler aktivieren. Bad Heilbrunn, Klinkhardt 2002
Bastian, Johannes Vor der Klasse stehen: Lehrerautorität und
Schülerbeteiligung. In: Bastian, Johannes (Hrsg.): Vor der Klasse stehen. Hamburg, Bergmann und Helbig Verlag 1987, S.7-11
Blumenthal, Erik Wege zur inneren Freiheit – Praxis und Theorie der
Selbsterziehung. Luzern/ Stuttgart, Rex-Verlag 1985
Brumlik, Micha (Hrsg.) Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb. Weinheim, Beltz-Verlag 2007
Bueb, Bernhard Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. Berlin, List 2006
LCH – Dachverband Disziplinschwierigkeiten gehen uns alle an ! Zürich,
Schweizer Lehrerin- Verlag LCH 1998 nen und Lehrer
Meyer, Hilbert Schulpädagogik. Band 1: Für Anfänger. Berlin,
Cornelson Scriptor Verlag 1997
Milgram, Stanley Das Milgram-Experiment. Reinbek, Rowohlt 1974/
1988
Olweus, Dan Gewalt in der Schule. Bern, Huber 1995
Rüedi, Jürg Disziplin in der Schule. Plädoyer für ein antinomisches Verständnis von Disziplin und Klassenführung. Bern, Haupt 2002
Schmidtchen, G. Schritte ins Nichts. Selbstschädigungstendenzen
unter Jugendlichen. Opladen, Leske+Budrich 1989 Schoenaker, Theo Mut tut gut. Sinntal, RDI-Verlag 1999
Wexberg, Erwin Individualpsychologie. Stuttgart, Hirzel-Verlag 1974
Autor
Prof. Dr. phil. Jürg Rüedi: Lehrerausbildung, insgesamt 8 Jahre Schulpraxis, Studium der Psychologie, Psychopathologie und Pädagogik an der Universität Zürich, Promotion 1987, Individualpsychologische Psychotherapieausbildung und Lehranalytiker der Schweizerischen Gesellschaft für Individualpsychologie SGIPA/ www.alfredadler.ch. Seit 20 Jahren als Dozent für Erziehungswissenschaften in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung tätig (Hochschule für Pädagogik der Fachhochschule Nordwestschweiz).
Grundzüge dieses Beitrages sind ausführlicher dargestellt in: Rüedi, J.: Disziplin in der Schule, Bern 2007, siehe auch www.disziplin.ch.



