Tendenziöse Apperzeption
Alfred Adler war es immer sehr wichtig, dass die Individualpsychologie eine Psychologie für alle Menschen ist. Deshalb verwendete er wenige Fremdworte. Man könnte auch sagen, er hatte es nicht nötig, Wissenschaftlichkeit zu demonstrieren. Er wollte vielmehr verstanden werden. Daran sollten wir Individualpsychologen uns auch heute messen lassen.
Wenn Alfred Adler und die nachfolgenden Individualpsychologen dennoch ein Fremdwort häufig benützen, dann scheint von besonderer Bedeutung zu sein und es lohnt sich wohl, sich damit auseinander zu setzen: Tendenziöse Apperzeption. Unter Apperzeption wird einerseits das begrifflich urteilende Erfassen im Unterschied zur Perzeption, dem sinnlichen Erfassen als erste Stufe der Erkenntnis, verstanden, andererseits aber auch das bewusste Erfassen von Erlebnis-, Wahrnehmungs- und Denkinhalten. Damit sind wir schon mitten in der psychologischen Welt angekommen. Unter tendenziös verstehen wir, dass etwas von einer weltanschaulichen, politischen oder einer anderen Tendenz (Hang / Neigung /erkennbare Absicht) beeinflusst ist und daher als nicht objektiv (von anderen) empfunden wird und auch nicht objektiv ist.
Wenn wir Individualpsychologen tendenziöse Apperzeption vereinfacht als selektive oder gefärbte Wahrnehmung bezeichnen, – und auch ich verwende diese Übersetzung in meinen Vorlesungen – dann liegen wir wohl nicht falsch, aber wir erfassen damit nicht den ganzen Begriff. Deshalb erscheint es sehr sinnvoll in Alfred Adlers Spuren den Ausdruck tendenziöse Apperzeption weiter zu verwenden.
Welche praktische Bedeutung hat es, sich mit diesem Begriff zu beschäftigen?
Lebensstil nach Individualpsychologie
Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich erst mit ein paar Worten auf den Begriff des (individualpsychologischen) Lebensstils eingehen. Um mit dem Leben zu Recht zu kommen, brauchen wir viele „Automatismen“. Wir können uns nicht überlegen, welche Nerven der Reihe nach Impulse an welche Muskeln zum An- oder Entspannen geben müssen, damit wir über eine Strasse gehen können, das geschieht automatisch, wenn wir uns entscheiden, über eine Strasse zu gehen. Wir wären ohne die se Automatismen beim Gehen, Essen, Reden, usw. gar nicht lebensfähig. Auf der körperlichen Ebene ist uns das ziemlich klar. Weniger klar ist es uns, dass es ähnliche „Automatismen“ auf der sozialen Ebene und natürlich auch auf weiteren Ebenen gibt. Beschäftigen wir uns diesmal nur mit der sozialen Ebene: Wir entwickeln als kleine Kinder – Kinder sind gute Beobachter, aber schlechte Deuter – bestimmte Überzeugungen, Vorstellungen und Meinungen sowie Handlungsstrategien, die wir für vorteilhaft halten, um in der komplizierten Welt einigermassen gut zu Recht zu kommen. Am Anfang übt das Kind und über Versuch und Irrtum (Wie kommt das an? Wie komme ich damit zu Recht?) gelangt es mit der Zeit zu seinen Meinungen, Überzeugungen, Strategien, usw., eben seinem Lebensstil. Später verteidigt das Kind diesen, wiederholt die Lebensstilmuster immer wieder, übt sie also immer wieder ein, hat sie sowohl im Denken, als auch in seinen Handlungen gut „drauf“ und bestätigt sie sich immer wieder. Nach und nach werden sie durch permanentes Training zu einer persönlichen Wahrheit. Alfred Adler spricht hier von unserer „privaten Logik“. Das wird dann ein wichtiger Teil unseres persönlichen Lebensstils. Das ist natürlich eine sehr verknappte Darstellung, die äusserst unvollkommen ist.
Viele Lebensstilaspekte sind sehr sinnvoll und wertvoll für unser Leben. Über diese sollten wir dankbar sein. Aber es gibt vielleicht auch einige Lebensstilaspekte, die uns das Leben erschweren. Nehmen wir beispielsweise an, dass jemand als Kind die Überzeugung gewonnen hat, weil es in einer „Alkoholiker-Familie“ aufgewachsen ist, dass es anderen Menschen nicht vertrauen kann und deshalb alleine im Leben zu Recht kommen muss. Seine Handlungsstrategie ist, dass es anderen misstraut, Abstand zu anderen Menschen hält und alles alleine macht. Das war aus der Sicht des Kindes eine ganz vernünftige Entscheidung, da es sich je nachdem, ob die Eltern getrunken haben oder nicht, sich oft wirklich nicht auf die Menschen verlassen konnte. Für sein Leben als Erwachsener sind diese Überzeugungen und Handlungsstrategien allerdings nicht unbedingt geeignet ein zufriedenstellendes oder gar glückliches Leben zu führen.
Die tendenziöse Apperzeption bestätigt meine Lebensstilüberzeugung
In meiner Arbeit mit Klienten und /oder Studenten erlebe ich häufig eine Lebensstilüberzeugung an der ich die tendenziöse Apperzeption in ihrer Auswirkung verdeutlichen möchte: „Die anderen sind ungerecht“. Manchmal gilt diese Überzeugung auch nur für ein Geschlecht, z. B. „Männer sind ungerecht!“ Stellen wir uns einfach mal jemanden vor, der davon überzeugt ist, dass Männer unge recht sind. Diese Person ist von dieser (persönlichen) Wahrheit überzeugt. Wir versuchen oft Menschen von (wie wir meinen) falschen Meinungen zu überzeugen. Selbst, wenn gute Gründe dafür sprechen, dass wir tatsächlich Recht haben, gelingt uns dies selten und noch seltener, wenn es sich um Lebensstilüberzeugungen handelt. Augenzwinkernd gesagt, ist selbstverständlich(??) jedem Leser klar, dass seine Überzeugungen natürlich auch subjektiv sind. Nun kommt die tendenziöse Apperzeption ins Spiel. Nehmen wir also an, ein Mann versucht die Person mit guten Argumenten zu überzeugen, dass es nicht so ist, dass alle Männer ungerecht sind. Mit der tendenziösen Apperzeption wird genau diese Person die Überzeugungskünste des Mannes als ungerecht empfinden, denn wenn dieser Mann gerecht wäre, dann würde er doch einsehen, dass meine Überzeugung richtig ist. Aus der privaten (persönlich, familiär, vertraut) Logik der Person sehr einleuchtend.
Die erste Stufe der tendenziösen Apperzeption
Manchmal wird eingewandt, dass sich doch jeder vernünftige Mensch, von der Wirklichkeit überzeugen lässt. Dabei wird vergessen, dass wir uns unsere Wirklichkeit selbst kreieren bzw. schaffen. Bleiben wir bei unserem Beispiel und der tendenziösen Apperzeption. Jemand, der diese Überzeugung von den ungerechten Männern hat, wird mit seiner „tendenziösen Apperzeptions-Brille“ durch die Welt gehen und dabei fast nur Männern begegnen, die sich mehr oder weniger ungerecht verhalten. Das wäre die erste Stufe der tendenziösen Apperzeption: Wir nehmen nur wahr, was zu meinen Überzeugungen (zu meiner Tendenz) passt und sie bestätigt. Alles andere blenden wir aus. Wenn wir aber etwas wahrnehmen, was meine Überzeugungen bestätigt, dann werden meine Augen gross, meine Ohren hören viel besser und ich sauge die Eindrücke mit meinen Sinnen auf. Gleichermassen bin ich blind und taub auf einmal, wenn Situationen oder Menschen da sind, die meine Überzeugungen nicht bestätigen. Mit anderen Worten, durch meine tendenziöse Apperzeption bestätige ich durch die Auswahl dessen, was ich wahrnehme und was nicht, meine Lebensstilüberzeugungen.
Die zweite Stufe der tendenziösen Apperzeption
Sollte diese Person sich in einem Umfeld bewegen, wo sie es nicht vermeiden kann mit ziemlich gerechten Männern zusammen zu sein, z. B. am Arbeitsplatz, dann wird diese Person die Männer genau beobachten. Das wär dann die zweite Stufe der tendenziösen Apperzeption: Irgendwann werde ich schon etwas entdecken, was meine Überzeugung bestätigt. Dann sage ich mir: „Siehste, auch der …“.
Die dritte Stufe der tendenziösen Apperzeption
Sollte dies mir auch nach langem Beobachten nicht so recht gelingen, dann käme die dritte Stufe der Apperzeption an die Reihe: Ich interpretiere das Verhalten dieses / dieser Männer so, dass es klar ist, dass sie sich ungerecht verhalten. Je nach Ausprägung der Lebensstilüberzeugung kann dass schon bei einer lustigen Bemerkung erfolgen oder wenn dieser Mann unpünktlich ist.
Die vierte Stufe der tendenziösen Apperzeption
Sollte es allerdings einen Mann dieser selten Gattung geben, bei dem aber auch gar nichts zu machen ist, selbst für Interpretationen bzgl. Ungerechtigkeiten bietet er keinen Anlass, dann folgt die vierte Stufe der tendenziösen Apperzeption: Dieser Mann ist die Ausnahme von der Regel, die Regel gilt aber weiterhin.
Dass die genannte Person je nach der Handlungsstrategie des Lebensstils z. B. Männern aus dem Weg geht oder mit Männern oft in Streit gerät oder auf Männer herabsieht oder… können wir verstehen. Aber auch die gegenteilige Überzeugung kann problematisch sein, denn wenn jemand überzeugt ist, dass Männer grundsätzlich gerecht sind, wird diese Person das zwar auch generell erleben, aber die Ausnahme von der Regel könnte dann sein, dass so jemand durch seine Leichtgläubigkeit oder übertriebenes Vertrauen ausgenützt wird (Stichwort Heiratsschwindler). Am Günstigsten wären also Überzeugungen, die der Wirklichkeit möglichst nahe kommen, in unserem Fall vielleicht die Überzeugung, dass Männer überwiegend gerecht sind, aber es auch einige ungerechte Menschen darunter gibt und manchmal auch allgemein gerechte Männer ungerecht handeln. Dann würde die Apperzeption weniger tendenziös wirken.
Es lohnt sich da mal genauer hinzuschauen
Manchmal erlebe ich in meinen Ausbildungsgruppen, in denen sich äusserst wohlwollende Menschen befinden, dass Studentinnen bzw. Studenten am Beginn der Ausbildung einige ihrer Mit-Studenten / -Studentinnen als Feinde erleben (tendenziöse Apperzeption). Die meisten Studentinnen bzw. Studenten fühlen sich von Anfang an sehr wohl mit den Kolleginnen und Kollegen. Aufgrund ihrer jeweiligen tendenziösen Apperzeption leben die Studenten und Studentinnen in verschiedenen Welten, die sie sich selbst kreiert haben. In welcher Welt es sich besser leben lässt, ist wohl jedem klar. Nicht umsonst spricht Alfred Adler davon, ob wir uns im Freundesland oder Feindesland bewegen. Was mich natürlich jedes mal wieder freut, wenn ich die Studentinnen und Studenten über die gesamte Ausbildungszeit begleite, dass durch die Selbsterfahrung, Lebensstilarbeit, etc. am Ende alle im Freundesland ankommen.
Unsere ganz persönlichen tendenziösen Apperzeptionen in unseren sozialen Beziehungen können wir oft nicht und schon gar nicht selbst erkennen. Dazu brauchen wir ein Gegenüber. Aber es gehört auch eine offene Annahme von Mitteilungen der anderen Menschen um mich. Freunde und Freundinnen bestätigen uns oft in unseren tendenziösen Apperzeptionen. Nicht selten haben sie ähnliche. Vielleicht haben wir sie deshalb gewählt? Sie sind also weniger geeignet, mir „auf die Sprünge“ zu helfen. Wir dürfen nicht vergessen, dass hinter der tendenziösen, subjektiven Apperzeption die Lebensstilüberzeugungen stehen.
Man könnte sagen, dass mein Lebensstil die tendenziöse Apperzeption als Hilfsmittel benutzt, um sich seine Überzeugungen zu bestätigen. Das gibt auch eine grosse Sicherheit. So wie ich es sehe, ist es schon richtig. Bei problematischen Lebensstilaspekten – und wer hat sie nicht? – sollten wir uns vielleicht überlegen bei einem ausgebildeten Lebensstilanalytiker sich selbst eine Lebensstilanalyse zu gönnen, damit wir mehr von uns verstehen und als Folge davon unsere tendenziöse Apperzeption mehr erkennen und zukünftig weniger tendenziös apperzipieren.
Autor: Peter Pollak (1951), Institutsleiter Adler-Schoenaker-Institut (Deutschland). Individualpsychologischer Berater; seit mehr als 30 Jahren intensive Beschäftigung mit der Individualpsychologie; Schüler von Erik Blumenthal, Dr. Albrecht Schottky und Theo Schoenaker. Dozent an der Akademie für Individualpsychologie.



