Mut tut gut

Auszug aus dem Buch“ Theo Schoenaker, Mut tut gut. Das Encouraging-Training, RDI-Verlag Mit freundlicher Genehmigung von Theo Schoenaker

 

3. Die Ermutigung

3.1. Was ist Ermutigung?

Das Wort Ermutigung gehört nach dem „Duden“ mit der Vorsilbe „er-“ zu der Gruppe von Wörtern, die die Erreichung eines Zwecks ausdrücken, z.B. schwerer machen ist erschweren, leichter machen ist erleichtern, mutiger machen ist ermutigen. So ist der Prozeß der Ermutigung zu definieren als jedes Zeichen der Aufmerksamkeit, das anderen oder uns selbst Mut macht oder Auftrieb gibt. Das heißt auch: Ermutigung ist das, was als Ermutigung empfunden wird. Die Definition bezieht sich also auf das Ergebnis. Wenn ich Dich anschaue, berühre, ein gutes Wort der Anerkennung sage, Dich sein lasse, wie Du bist, Dich in Deinen eigenen Absichten bestärke oder Dich anlächle, und Du fühlst Dich dadurch besser, dann war das, was ich tat, eine Ermutigung für Dich. Ermutigung erwirkt in Dir eine Änderung der inneren Haltung. Ermutigung erhöht Dein Gefühl von Selbstachtung, stärkt den Glauben an Deine eigenen Fähigkeiten und führt Dich zu dem Schluß: „So wie ich bin, bin ich gut genug“ und zu der Überzeugung: „Ich kann“.

 

3.2. Das Ziel der Ermutigung

Du hast in den Kapiteln über die Entwicklung von Minderwertigkeitsgefühlen und die Auswirkungen in der Vermeidungshaltung die Ergebnisse von Entmutigung kennen gelernt. Welches andere Ziel kann Ermutigung verfolgen, als solchen Entwicklungen zuvorzukommen und das gestörte psychologische Gleichgewicht wiederherzustellen? Das Ziel der Ermutigung ist es also, uns selbst und den Mitmenschen zu einer neuen Orientierung über unsere frühkindlichen Meinungen zu verhelfen, Minderwertigkeitsgefühle zu beseitigen und ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln. Die Entwicklung von Selbstachtung und Selbstvertrauen, das sichere Erleben der sozialen Gleichwertigkeit und die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls sind dabei die Hauptbegriffe. Neben diesen psychologischen und sozialen Begriffen hat durch Ermutigung die Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Ermutigung bewirkt, daß wir unserer Stärken und Fähigkeiten gewahr werden, Minderwertigkeitsgefühle beseitigen, den Mut zur Unvollkommenheit und Lebensfreude entwickeln, unabhängiger und selbständiger werden und zu der Überzeugung gelangen: „Ich bin ich, und so wie ich bin, bin ich gut genug. Ich habe meinen Platz in dieser Welt, und was auch kommen mag, ich schaffe das schon irgendwie.“ Ermutigung führt dazu, daß der Mensch gedanklich nicht um sich selbst kreist, sondern mehr Vertrauen zu und Interesse für andere entwickelt und bereit ist, seinen Beitrag zum Wohle der Gemeinschaft zu leisten. So ist das, wenn er sich zugehörig fühlt.

 

3.3. Ermutigen kann man lernen

Es gibt Menschen, die generell ermutigend wirken. Es scheint also allgemein ermutigende Haltungen und Fähigkeiten zu geben. Wir würden leichter den Zugang zur Ermutigung finden, wenn wir diese Haltungen und Fähigkeiten erkennen könnten und feststellen würden, daß man sie auch üben kann. Auf der Suche nach Verhaltensweisen, die Selbstvertrauen einflößen, habe ich öfters die Frage gestellt:

„Welche Personen waren es, zu denen Du in Deiner Kindheit gerne hingegangen bist, wenn Du Sorgen hattest oder auch wenn Du begeistert warst über einen Erfolg? Zu welchen Menschen gehst Du jetzt in Deinem Erwachsenenleben? Du gehst ja nicht zu irgendjemandem. Welche sind die Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die Dir an diesem Menschen so gefallen, daß Du Deine Sorgen oder Dein Glück mit ihm teilen willst?“

Unter vielen anderen tauchen folgende Haltungen und Fähigkeiten immer wieder auf:

  • Zuhören,
  • Interesse zeigen und zum Sprechen anregen,
  • mit einem freundlichen Blick anschauen,
  • geduldig sein (Zeit haben),
  • mich annehmen, so wie ich bin,
  • begeistert und fröhlich sein,
  • das Gute betonen,
  • Versuche und Fortschritte anerkennen,
  • für mich da sein,
  • nicht übel nehmen (verzeihen),
  • Verständnis zeigen („ich verstehe Dich“),
  • verständnisvoll zunicken,
  • Körperkontakt herstellen,
  • trösten,
  • mir etwas zutrauen,
  • Hoffnung machen,
  • Vertrauen schenken

Diese Begriffe sind hier nicht in der Reihenfolge der Wichtigkeit aufgeführt, denn ihre ermutigende Wirkung ist abhängig von der Qualität der Beziehung und der gegebenen Situation. Ich komme in Kapitel 4 ausführlich auf einige der obigen Begriffe zurück. Du kannst lernen, eine positive Person zu werden und einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung des Leids in der Gesellschaft zu leisten.

Es gibt unter den heutigen störenden und gestörten sozialen und psychischen Verhältnissen im Bewußtsein der formenden Kraft der Ermutigung keine bedeutendere Aufgabe, als Beispiel zu sein für ermutigende Haltungen und Fähigkeiten. Maria Montessori drückte es folgendermaßen aus:

„Was man als Ermutigung, Trost, Liebe, Achtung bezeichnet, das sind Hebel für die Seele des Menschen, und je eifriger sich jemand in diesem Sinne bemüht, desto nachhaltiger erneuert und stärkt er das Leben um sich herum.“

Wie wäre es, wenn Du selbst in den ersten zwei Jahren Deines Lebens viel mehr Ermutigungen bekommen hättest? Ich bin sicher, Du hättest mehr an Dich geglaubt, Du wärst optimistischer, Du würdest entspannter leben und gesünder sein. Dies alles, weil Du ein positiveres Bild von Dir und den Mitmenschen hättest.

Stell Dir vor, Du würdest mit dieser Erkenntnis Deine Beziehung zu Kindern und Erwachsenen mehr auf Ermutigung ausrichten! Nimm die Herausforderung an, über diesen Weg Deinen Mitmenschen einen Beitrag zu liefern und eine ermutigende Person zu werden. Es wird auch Dein Leben in erfreulicher Weise beeinflussen.

Wie wäre es, das Gute in anderen zu erkennen und in Zuneigung über Deine Mitmenschen zu denken? Du lernst, in Chancen denken, anstatt in Kritik. Du lernst, in Herausforderungen zu denken, an statt in Problemen. Du lernst, mit Vorschlägen zu leben, an statt mit lähmender Kritik. Du lernst, kreativ weiterzudenken, den nächsten Schritt, die nächsten Möglichkeiten zu sehen. Du lernst Feindbilder abzubauen, den negativen inneren Dialog zu stoppen und erlebst, daß das Leben nicht zum Leid, sondern zum Glücklichsein erschaffen wurde. Deine Freude wächst aus der Beobachtung, wie der Ermutigte sich ändert.

Fröhlicher, aktiver, kreativer, mit mehr Leichtigkeit geht er seine Probleme an und kommt generell besser zurecht.

 

3.4. Die andere Haltung

In einem Gesellschaftssystem, in dem Machtausübung herrscht und Gehorsam gefordert wird, hat Ermutigung keinen Platz. Wenn wir als Gleichwertige leben wollen, können wir das menschliche Verhalten nicht mehr durch äußeren Druck, Machtausübung, Kontrolle, Angst machen, Befehl und Gehorsam bestimmen. Wir müssen umlernen, wenn wir andere zur Gleichwertigkeit anregen und zur Mitarbeit gewinnen wollen. Es gilt, den anderen von innen heraus zur Zusammenarbeit und zu nützlichen Beiträgen zu aktivieren. Das ist möglich, wenn wir sein Zugehörigkeitsgefühl stärken und ihm Mut machen. Ermutigung ist der Weg, der dahin führt.

Können wir von Methoden wie Kritisieren, Abwerten, Schuldgefühle Wecken, Kleinmachen, Erniedrigen, mit denen wir so viel Erfahrung haben, Abschied nehmen? Generationenlang wurden sie praktiziert, und die meisten von uns wurden so erzogen. Im Umgang mit unseren Mitmenschen stehen uns diese Methoden spontan zur Verfügung. Wir merken oft gar nicht, wie häufig wir sie einsetzen; es ist „normal“, so zu reagieren. Vielen von uns fallt es schwer zu glauben, daß es auch anders geht. Es geht allerdings auch nicht anders, solange wir keine andere innere Haltung finden. Wir können andere erst ermutigen,

  •  wenn wir glauben, daß wir so, wie wir sind, gut genug sind. Wir meinen, erst wenn wir besser sind, werden wir, gut genug sein und vergegenwärtigen uns nur allzu selten, daß das ein Faß ohne Boden ist. Wenn wir heute nicht gut genug sind, werden wir es nie sein. Dies gilt auch für die grundsätzliche Beurteilung anderer. War Johann Strauß‘ Vater nicht gut genug, weil sein Sohn später erfolgreicher war? Warst Du als Kind nicht gut genug, weil Du später besser laufen konntest? Bist Du heute nicht gut genug, weil Du morgen besser sein wirst? Bist Du heute nicht gut genug, weil Du mehr Fehler machst als gestern? Oder bist Du nicht gut genug, weil Du ständig unter dem Druck des Strebens nach mehr und den unerfüllten Ansprüchen stehst? Wo soll denn die Zufriedenheit herkommen, die als Friede der Seele vernünftiges Urteilen, Freude, kreatives Arbeiten und einen freundlicheren Umgang möglich macht? Nie gut genug zu sein ist die Grundlage für dauernde Unzufriedenheit, die ihren Ursprung in übersteigertem Ehrgeiz und Vollkommenheitsstreben findet. Wer seine Unzulänglichkeiten und die seiner Mitmenschen zu wichtig nimmt, wird humorlos und unzufrieden. Wer die Unzulänglichkeiten und Schwächen relativiert, liebevoll versteht und verzeiht, ist zufrieden und macht zufrieden. Er ist so, wie er ist, gut genug und meint, andere seien es auch. Er ist ein Mensch mit ermutigenden Haltungen und Fähigkeiten. Wir können lernen, uns so, wie wir sind, als gut genug anzunehmen und in uns selbst und anderen den Mut zur Unvollkommenheit zu wecken. Ein Beitragen, wie mangelhaft auch immer, ist in jedem Fall besser als nicht beizutragen.
  • wenn wir Selbstvertrauen haben, verletzbar sind und weniger dazu neigen, uns selbst zu verteidigen und andere herabzusetzen. Sobald wir uns unsicher oder unsere Position gefährdet fühlen, reagieren wir mit Demütigungen. Da wir uns unseres eigenen Wertes und unserer Fähigkeiten ungenügend bewußt sind, erhöhen wir uns selbst, indem wir die Schwächen des anderen hervorheben oder seine Stärken zu Schwächen umdeuten. Wir können lernen, unseren eigenen Wert zu erkennen und uns selbst generell, aber auch situativ aufzubauen, indem wir uns selbst ermutigen. Dann können wir auch andere ermutigen.
  • wenn wir aufhören zu glauben, daß Kritisieren nützlich ist. Wir kritisieren andere, weil wir in dem Glauben leben, daß es ihnen hilft, besser zu werden, und beachten nicht, wie wir sie entmutigen. Es ist ein Mißverständnis zu glauben, daß Kritisieren der beste Weg ist, jemandem zum Fortschritt zu verhelfen. Sicher, wir können denen, die uns anvertraut wurden oder mit denen wir zusammenarbeiten, zeigen, wo Entwicklungsmöglichkeiten sind, wo Fortschritte gemacht werden können, aber wir können uns auch bemühen, daß der andere sich dabei trotzdem wohlfühlt. Jeder korrigiert seine Fehler gerne, wenn er sich zugehörig fühlt, aber nicht, wenn er sich kritisiert oder bestraft fühlt und Schuldgefühle hat.

Dies erklärt auch, warum Eltern ihren Kindern, wie sie sagen, hundertmal etwas sagen müssen. Sie verstehen offensichtlich nicht, daß dieses Kritisieren, Belehren oder Meckern nicht zum Erfolg führt. Im Gegenteil, je wichtiger die Eltern das störende Verhalten eines Kindes nehmen, um so sicherer ist es, daß das Kind es nicht aufgeben wird. Kinder, die Nägel kauen, sind Kinder von Eltern, die nicht wollen, daß ihre Kinder Nägel kauen. Aber auch im Erwachsenenleben erkennen wir, daß z.B. in den Ehen viel gekämpft wird wegen Verhaltensweisen und Gewohnheiten, die der Partner nicht akzeptiert. Der andere wird sie jedoch nicht aufgeben, solange er sich nicht als gut genug angenommen fühlt, so wie er ist. Wer spürt, daß er geliebt wird und so sein darf, wie er ist, der ist auch aus Liebe zum anderen bereit, Verhaltensweisen zu ändern.

In Wirklichkeit kritisieren wir ja auch nicht, um dem anderen zu helfen, sondern um uns selbst ein wenig besser, ein wenig überlegen zu fühlen. Kritik, so wie wir sie verstehen, ist absolut überflüssig. Sie hat auch keine nützliche Funktion in dem Konzept der Gleichwertigkeit, da sie aus einer Position der Überlegenheit erfolgt. „Ich kann es besser, ich weiß es besser, ich bin besser und ich werde Dir sagen, was Du tun oder denken sollst“, ist diese Position. Wenn wir durch Selbstermutigung bereiter werden, auf den Vorteil der Überlegenheit zu verzichten, dann finden wir auch konstruktive Mittel, andere zu unterstützen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir können lernen, an das Gute in jedem Menschen zu glauben, so wie er jetzt ist, und an seine Fähigkeit und Bereitwilligkeit, sich zu entwickeln, und daran, daß er die meisten seiner Fehler selbst entdecken kann.

„Jeder Tadel ist Zeitverschwendung. Ganz gleich, was Du einem anderen alles ankreiden kannst, und ganz gleich, wie heftig Du ihn tadelst – an Dir selbst änderst Du damit nichts. Tadel bewirkt einzig und allein, daß Du von Dir selbst ablenkst, indem Du äußere Gründe suchst, um Dein Unbehagen oder Deine Unzufriedenheit auszudrücken. Vielleicht gelingt es Dir, in einem anderen Schuldgefühle zu wecken, wenn Du ihn tadelst, aber das zu ändern, was Dich selbst unzufrieden macht, wird Dir nicht gelingen.“ (Wayne W. Dyrer)

Die Sinnlosigkeit des Kritisierens wurde in beeindruckender Weise in einem Experiment in einer Klasse mit Schulanfängern klar. Lehrer und Psychologen arbeiteten zusammen.

Während dieser ersten 6 Tage entfernten sich etwa alle 10 Sekunden 3 Kinder von ihren Plätzen. Die Lehrer sagten in 20 Minuten etwa 7 mal „setzt Euch“.

Dann trat etwas Merkwürdiges ein. Die Lehrer wurden gebeten, öfters zu den Kindern „setzt Euch“ zu sagen. Während der nächsten 12 Tage sagten die Lehrer in je 20 Minuten 27 mal „setzt Euch“. Die Kinder standen öfters auf – alle 0 Sekunden standen nicht 3, sondern 4 bis 5 Kinder auf. Sie machten noch einen Versuch. In den nächsten 8 Tagen sagten die Lehrer in 20 Minuten wieder nur 7 mal „setzt Euch“. Die Zahl der Kinder, die den Platz verließen, ging auf einen Durchschnitt von 3 Kindern je 10 Sekunden zurück. Dann bat man die Lehrer noch einmal, öfters zu den Kindern „Setzt Euch“ zu sagen (28 mal in 20 Minuten). Die Kinder standen wieder öfters auf. 4 mal alle 10 Sekunden. Zum Schluß bat man die Lehrer, es überhaupt zu unterlassen, „setzt Euch“ zu sagen, und statt dessen das Arbeiten und das Sitzenbleiben zu loben. Sie machten es gut, und weniger als 2 Kinder standen innerhalb von 10 Sekunden auf – die niedrigste Zahl, die je beobachtet worden war.

Was in diesem Experiment statistisch nachgewiesen wurde, ist die sogenannte „Kritikfalle“, also die Tatsache, daß verstärkte Kritik erst recht jenes Verhalten erzeugt, das kritisiert wird. Weil dann aber das kritisierte Störverhalten verstärkt auftritt, wird zunehmend mehr kritisiert, und diese Kritik verstärkt das Verhalten wiederum, woraus logischerweise kein Entkommen ist, es sei denn, man reduziert die Kritik trotz häufigem Störverhalten und lenkt die Aufmerksamkeit auf das Positive.

Erschwerend kommt dazu, daß Kritik oftmals einen kurzfristigen Erfolg zeitigt, der über den Fallenmechanismus hinwegtäuscht. So bewirkt das „Setzt Euch“ der Lehrer im genannten Experiment tatsächlich ein momentanes Hinsetzen der Kinder, wenn es sie auch motiviert, später um so häufiger aufzustehen. Dieses momentane Hinsetzen kann die Täuschung hervorrufen, daß die Kritik durchaus sinnvoll und notwendig sei. Im Endeffekt aber bewirkt sie das Gegenteil, weil sie die Lehrer zwingt, das Negative zu beachten und nicht das Positive, und weil stets das, was wir geistig beachten, Verstärkung erfährt.

Überprüfen wir statistisch, um wieviel sich das Negative verstärken kann, nur weil man es beachtet:

In einem Versuch wurde eine „gute“ Klasse für ein paar Wochen in eine „schlechte“ verwandelt. Man veranlaßte den Lehrer, die Kinder nicht mehr zu loben. Als der Lehrer die Kinder nicht mehr lobte, nahm das unerwünschte“ Störverhalten von 8,7% bis zu 25,5% zu. Der Lehrer rügte das Störverhalten“ und unterließ es, das Verhalten der Kinder zu loben, die sich mit ihrer Arbeit beschäftigten.

Als man den Lehrer bat, die Kinder an statt 5 mal in 20 Minuten 16 mal in derselben Zeit zu rügen, war das Störverhalten sogar noch stärker. Es nahm bis zu einem Durchschnitt von 31,2% zu und lag an manchen Tagen bei über 50%. Das „Störverhalten“ nahm durch die Aufmerksamkeit, die man diesem Verhalten schenkte, noch zu. Als die Kinder wieder gelobt wurden, kehrte auch die Arbeitswilligkeit doppelt zurück.

Der Versuch zeigt, daß man unerwünschtes Störverhalten bei Kindern innerhalb weniger Wochen von 8,7% bis auf die beängstigende Höhe von über 50% hinaufschrauben kann, und zwar lediglich durch die Aufmerksamkeit, die man diesem Verhalten schenkt! Was hier über die verheerende Wirkung von Kritisieren gesagt wurde, gilt auch für die Selbstkritik. Hilfreich ist es auf jeden Fall, wenn wir den anderen seine Fehler selbst entdecken lassen; wenn wir ihn auf seine Fehler aufmerksam machen wollen, können wir klarstellen, daß wir nicht ihn als Person kritisieren, sondern das, was er tut. Hilfreich ist auch, wenn wir eigene Schwächen, Schwierigkeiten oder Fehler, die wir gemacht haben, erwähnen, bevor wir den anderen auf seine Fehler ansprechen. So kann er unsere Hinweise leichter annehmen. Auch Humor und Lächeln und der vermittelte Eindruck, daß der gemachte Fehler nicht so schlimm ist, sind hilfreiche Wege, die Selbstachtung des anderen nicht zu verletzen und seine innere Bereitschaft, sich zu entwickeln, zu mobilisieren.

Die andere Haltung, aus der aufrichtige Ermutigungsversuche entstehen können, bedarf eines anderen Standpunktes, eines anderen Menschenbildes. Wer davon ausgeht, daß der Mensch von Natur aus böse, aggressiv und schlecht ist und daß alle störenden, unmoralischen und sozial schädlichen Verhaltensweisen auf diese Natur zurückzuführen sind, der ist vielleicht der Meinung, daß man störendes Verhalten rechtzeitig wahrnehmen und unterdrücken muß, damit es nicht allzu schlimm zum Ausbruch kommt. Das Unterdrücken geschieht dann durch Verbieten, Strafen, das Wecken von Schuldgefühlen, Abwerten und Erniedrigen; alles Methoden der Entmutigung, die den Menschen seines Wertes und seines Mutes berauben.

Die Natur des Menschen ist aber nicht böse, sondern gut und im Prinzip göttlich. Alles, was wir mit irgendeinem Wort als „nicht gut“ belegen, ist das Ergebnis von mangelnder Ermutigung oder von Entmutigung. Unsere Fehler sind eben das, was fehlt. Die Fehler, das negative oder störende Verhalten sind wie ein Loch, wie etwas Abwesendes. Löcher kann man nicht stopfen, indem man nur das Loch sieht. Man muß sich am Positiven, am Vorhandenen orientieren. Man kann herausfinden, mit welchem Material das Loch kleiner zu machen ist, indem man sich am Stoff und nicht am Loch orientiert. So ist das Loch im Strumpf nichts anderes als das Fehlen eines Teils des Strumpfes, so wie auch Angst das Fehlen von Selbstvertrauen, Haß das Fehlen von Liebe, Dunkelheit das Fehlen von Licht, Dummheit das Fehlen von Wissen ist. Wer ausschließlich das Loch – das Negative – im Strumpf sieht, findet keinen Anhaltspunkt, um es zu stopfen. Wenn Haß die Abwesenheit von Liebe ist, dann handeln wir richtig, wenn wir uns an der Liebe orientieren, damit der Haß verschwindet. Wir können Angst zum Verschwinden bringen, wenn wir Selbstvertrauen aufbauen. Wir können Dunkelheit beheben, indem wir die Tür aufmachen und das Licht hereinlassen. Jedes noch so kleine Licht ist stärker als das tiefste Dunkel. Bedingt durch unsere negative GrundeinsteIlung achten wir viel zu viel auf die Löcher und zu wenig auf den Strumpf; zu viel auf das, was fehlt, und zu wenig auf das, was vorhanden ist. Wenn Du Deinen Mitmenschen als im Wesen gut betrachtest, bist Du eher geneigt, Fehler und Schwächen zu übersehen und Deinen Blick auf das Positive, auf die Fähigkeiten zu lenken, um diese ermutigend zu unterstützen. Du machst dem anderen Mut, weil Du daran glaubst, daß sich so das grundsätzlich Gute in diesem Menschen entfalten kann.

Mit dieser anderen Haltung kommst Du allmählich aus der Fehlerbezogenheit heraus. Du kannst den Druck von anderen wegnehmen und auch Dich selbst entspannen und Vertrauen entwickeln.

Die richtige Ermutigungshaltung wächst also daraus, daß Du Dich nicht ablehnst und kritisierst, sondern als wichtig, wertvoll und liebenswert annimmst, und aus dem Glauben an das Positive in der menschlichen Natur, an die Gleichwertigkeit aller Menschen und an die positive selbstregulierende Kraft insbesondere in diesem einen Menschen.

Diese andere Haltung ist die Grundlage für die Entwicklung zu einer positiven Person. Willst Du damit heute anfangen? Denke nach über die Themen, die ich im Kapitel „Die andere Haltung“ beschrieben habe.

  • Sag Dir heute öfters: „Ich bin ich, und so, wie ich bin, bin ich gut genug“ und richte dann Deinen Blick auf andere und denke: “ … und Du auch“.
  • Sag Dir heute öfters, wenn Du Dich unsicher fühlst: „Ich schaffe das schon.“
  • Sag Dir heute, wenn Du jemanden belehren willst:
  • „Der/Die schafft das schon“ und kritisiere nicht. Heute nicht. Schau lieber auf die Stärken des anderen, die ganz sicher da sind.
  • Sprich stattdessen heute einmal von eigenen Fehlern oder von eigenen Schwächen, was absolut nichts an Deinem Wert mindert. Den geeigneten Zeitpunkt dazu wirst Du schon weise wählen.

 

Autor: Theo Schoenaker, Jg. 1932, Begründer des Adler-Dreikurs-Instituts und der Individualpsychologischen Sozialtherapie. Er ist Individualpsychologischer Berater (DGIP,

SGAIP), Logopäde und Autor mehrerer individualpsychologischer Lebenshilfe- und Fachbücher.

Diesen Post teilen:
Weitere Posts

Menu

Suche

Ausbildungsort

Nächste Infoveranstaltung

Bern: 23.04.2026 – 18h30-20h00
Online: 21.05.2026 – 19h00-20h30