Was tun bei Burnout? Warum die „Ferien-Lösung“ nicht genügt.

Wenn chronischer Stress über einen längeren Zeitraum unbehandelt bleibt und die Belastungen unsere Energie, Motivation, Beziehungen und unser Erfolgserlebnis beeinträchtigen, sprechen wir von Burnout. Medizinische Unterstützung hilft, die Diagnose zu klären und geeignete äusserliche Maßnahmen zur Entlastung zu finden. Psychologische Unterstützung konzentriert sich auf die inneren Massnahmen: die stressauslösenden Muster hinter Burnout zu verstehen, Raum für Erholung zu finden und eine nachhaltigere Lebens- und Arbeitsweise zu praktizieren.
Was versteht die Individualpsychologie unter Burnout?
In der Individualpsychologie sprechen wir dann von Burnout, wenn wir uns in einem Zustand andauernder emotionaler Belastung wiederfinden, die uns gefühlt gefangen hält wie in einem Hamsterrad. Zeigen sich dadurch massive Beeinträchtigungen in zwei der drei sozialen Lebensaufgaben (Liebe/Arbeit/Gemeinschaft), erleben wir unser Dasein oft als sinnentleert. Wozu das alles? Wozu sich überhaupt noch Mühe geben?

Der Sinn des Lebens liegt gemäss Alfred Adler (Vater der Individualpsychologie) im Gemeinschaftsgefühl; dem Gefühl der Verbundenheit mit sich, Anderen und der Welt. Als soziale Wesen brauchen wir dieses Gefühl der Verbundenheit. Es sichert uns. Es ermutigt uns. Und genau dies fehlt in einem Fall von Burnout.
Wieso ist es so wichtig die Ursachen von Burnout zu verstehen?
Chronischer Stress führt Individuen oftmals in die Vereinsamung. Wir fühlen uns dann isoliert, ungenügend und schämen uns dafür, dass wir es nicht hinbekommen. Als Antwort darauf arbeiten wir noch härter und strengen uns noch mehr an… bis wir nicht mehr können. Wir sind soziale Wesen. Vereinsamung macht uns krank. Es ist wichtig, dass du weisst: Du bist nicht alleine. Und es ist nichts falsch mit dir. Du bist nur noch nicht am Ziel.
Ein gesundes Leben zu führen bedeutet nicht, immer ausgeglichen zu sein oder alles unter Kontrolle zu haben. Es bedeutet zu lernen, was dein Organismus braucht und danach zu handeln, egal in welcher Lebens- und Gefühlslage du steckst. Es bedeutet, offen zu bleiben und bereit zu sein, deine inneren Welten stetig zu erweitern – ohne dabei die Verbindung zu dir selbst zu verlieren.

Wie erkennt man ein Burnout?
Burnout äußert sich nicht immer plötzlich. Manchmal zeigt es sich schleichend. Anzeichen können sich langsam entwickeln. Sie werden oft übersehen oder als „nur eine schwierige Phase“ abgetan.
Es zeigt sich in Verhaltensänderungen wie Reizbarkeit, Kurzatmigkeit oder eine stärkere Neigung zu impulsivem Handeln – manchmal gefolgt von Schuldgefühlen oder Reue. Verstärktes Konsum-Verhalten (Suchtmitteln, Essen, Bildschirmzeit, Shopping etc.) ist eine häufige Begleiterscheinung. Kennzeichnend ist ein starkes Verlangen nach sofortiger Erleichterung.
Emotionale Anzeichen gehen über häufige Stimmungsschwankungen, ständige Alarmbereitschaft, bis hin zu einem zunehmenden Gefühl emotionaler Taubheit. In schwereren Fällen kann es u.a. auch zu Dissoziation kommen – einem Gefühl der Entfremdung von sich selbst, den eigenen Gefühlen oder der Umgebung.
Körperliche und kognitive Symptome können umfassen:
- Geminderte Schlaf-Qualität
- Probleme, das gewohnte Energieniveau zu halten
- Konzentrations-Schwierigkeiten
- Auffälligkeiten im Stoffwechsel, wie z.B. in der Blutzuckerspiegel-Regulation

Fallbeispiel aus der Beratungspraxis
Herr M. wird mit Atemnot in die Notaufnahme eingeliefert. Der Puls rast. Angst und Panik machen sich breit. Er hört ein Klingeln im Ohr, und dann nur noch dumpfes Gemurmel. Die Ärzte führen eine gründliche medizinische Untersuchung durch, finden jedoch keine organischen Ursachen für die Symptome von Herr M.
Herr M. ist ein von der Gesellschaft angesehener und erfolgreicher Mann. Seit dem Start seiner Karriere, hat er sich kontinuierlich hochgearbeitet und auf Freizeit und Freunde verzichtet, wenn es der Job von ihm verlangte. Sein Einsatz zahlt sich aus: Mit Mitte dreißig hatte er eine berufliche Position erreicht, für die viele andere weitere zehn Jahre bräuchten.
Herr M. ist heute 45 Jahre alt. Eigentlich sollte er stolz sein. Eigentlich sollte er zufrieden sein. Eigentlich sollte er vor Leben sprühen. Doch Herr M. fühlt dies nur in den kleinen Lichtblicken, wenn er Lob und Bewunderung erntet. Schnell, zu schnell ist der Effekt verflogen. Und die Lichtblicke werden immer seltener. Was bleibt, ist ein wachsendes Gefühl innerer Leere – und der Druck, noch mehr leisten zu müssen, um sich wieder genug zu fühlen.

Was tun bei Burnout Anzeichen?
Stress ist nicht der Feind. Er kann unsere Aufmerksamkeit schärfen, Energien mobilisieren und uns einen zusätzlichen Schub geben, wenn nötig. Die Frage ist, was danach passiert.
Handlungsmöglichkeiten
Handelt es sich um eine akute Phase (ein Zustand völliger körperlicher und geistiger Erschöpfung), wird dringend geraten, einen Arzt aufzusuchen.
Medizinische Betreuung kann u.a. umfassen:
- Diagnostik und Erste Hilfe: Symptomprüfung, körperliche Checks und Krankschreibung
- Behandlung und Therapie: Medikamentöse Unterstützung und Überweisung an eine Fachstelle für mentale Gesundheit (Psychotherapie, stationäre Reha).
- Nachsorge: nach Abschluss der intensiven medizinischen Betreuung sinnvoll, um Rückfällen vorzubeugen.
Individualpsychologische Beratung kann Teil der Therapiephase und der Nachsorge sein und kann u.a. umfassen:
- Stressauslösende Muster hinter Burnout verstehen
- Raum finden für Erholung und persönliche Entfaltung
- Eine nachhaltigere Lebens- und Arbeitsweise entwickeln
Tipps für den Alltag
Unser Organismus ist für Stress gemacht. Das mag vielleicht etwas paradox erscheinen, bedenken wir die immense gesellschaftliche Belastung stress-bedingter Ausfälle und Krankheiten. Darum ist der wichtigste Tipp: Gib deinem Organismus ausreichend Zeit, Raum und Gelegenheit, damit die körpereigenen Regulationsprozesse
Raum für Selbstzweifel erlauben
Selbstmotivation bedeutet, eine unterstützende innere Beziehung zu pflegen, wenn das Selbstvertrauen nachlässt. Manchmal sind Selbstzweifel ein Signal, innezuhalten, zu reflektieren und sich wieder mit sich selbst zu verbinden. Erlaube dir Momente der Unsicherheit um dich zu erinnern:
- Wozu bin ich fähig?
- Was macht mich wertvoll?
- Was habe ich bereits geschafft – auch in schwierigen Zeiten?

Den Stresszyklus zu Ende führen
Stress ist auch eine körperliche Reaktion. Nach einem stressigen Ereignis braucht der Körper Zeit und Signale der Sicherheit, um aus dem erhöhten Alarmzustand herauszukommen. Problem: Wenn eine Stresssituation unmittelbar in die nächste mündet.
Manche Menschen benötigen bis zu 30 Minuten, um gedanklich von einer Situation in eine andere zu wechseln. Darum ist Zeit eine wichtige Ressource.
- Technik zur Regulation des Stressreaktionssystems: Wandstarren
Halte inne und betrachten eine Wand, ein Fenster oder einen neutralen Gegenstand.
Lass deine Aufmerksamkeit dort verweilen, ohne etwas zu lösen oder zu bewerten.
Zwei bis drei Minuten sind zu Beginn gut haushaltbar.
Die Deaktivierung deines Stressreaktionssystems kannst du im Anschluss noch mit folgenden Fragen unterstützen:- „Was beschäftigt(e) mich gerade?“
- „Was ist mir klar geworden?“
(Nach dem Züntersbach-Bemoedigings-Model – „Mut tut gut“, Rudolf Dreikurs)
- Dein Ruhe und Erholung System aktivieren
Gönne dir nach der Arbeit oder einem emotional belastenden Ereignis eine Übergangsphase, bevor du von dir erwartest, vollkommen präsent, produktiv oder entspannt zu sein. Fliessende und monotone Bewegung signalisiert deinem Körper zusätzlich: Jetzt muss ich nicht mehr reagieren. Jetzt kann eine Gelegenheit sein zum heilen, wachsen und reparieren.
Individualpsychologische Beratung als Unterstützung bei Burnout
Individualpsychologische Beratung kann dir helfen deine Muster zu erkennen, die dein Stressreaktionssystem aktiv halten. Wichtig ist zu differenzieren: Der Stressor (das Objekt, dass die Stressreaktion auslöst) ist nicht unbedingt das Problem. Schwierigkeiten entstehen oft, wenn der mit diesen Erfahrungen verbundene Stress nicht ausreichend verarbeitet wird. Eine gesunde Stressregulation beinhaltet ein ermutigendes Zusammenspiel von Körper, Geist, Gefühlswelt und Umgebung. Anstatt ständig miteinander zu konkurrieren, können diese Systeme sich auch gegenseitig unterstützen. Ziel ist Flexibilität, Achtsamkeit und Vertrauen. Ziel ist ein gelebtes Gemeinschaftsgefühl, im Innen und Aussen.
Fazit: Warum die „Ferien“ - Lösung bei Burnout nicht genügt
Kann jemand, der nur im Urlaub Sport treibt und die Bedürfnisse seines Körpers das ganze Jahr über vernachlässigt, erwarten, körperlich fit zu sein?
Und kann jemand, der sich nur im Urlaub mentale Erholung gönnt und seine psychischen Bedürfnisse das ganze Jahr über ignoriert, erwarten, seelisch im Gleichgewicht zu bleiben?
Urlaub kann eine wertvolle Auszeit vom Alltag bieten. Doch ein paar Wochen Erholung können Monate chronischen Stresses, ständigen Drucks oder mangelnden Schlafs nicht immer ausgleichen. Mentale Erholung ist keine Belohnung für das Jahresende. Sie ist eine kontinuierliche Übung und ein wesentlicher Bestandteil eines gesunden Lebens.

Autorin:
Inkarani Wuillemin
Dipl. Individualpsychologische Beraterin AFI
Psychosoziale Beraterin SGfB
Inkarani Wuillemin hat ihre Ausbildung an der Akademie für Individualpsychologie 2021 mit Diplom abgeschlossen und ist heute in eigener Praxis in Zürich tätig. Ihr Beitrag zur Förderung mentaler Gesundheit ist ihr eine persönliche Herzensangelegenheit. Menschen auf ihrem Werde-Weg begleiten zu dürfen, erfüllt sie – mit Freude, Hingabe und Dankbarkeit.
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