Neurodivergenz in der Beratung – Perspektive der hochsensitiven Beraterin / Berater

Hochsensitivität kann in der Beratung eine wertvolle Ressource sein: feine Wahrnehmung, Empathie, Perspektivenübernahme und tiefe Verarbeitung und dadurch Erkennen komplexer Zusammenhänge. Dies kann einen verbindenden Zugang zum Gegenüber ermöglichen. Dieselbe Sensitivität bringt jedoch auch besondere Anforderungen mit sich. Einerseits in der Unterscheidung zwischen eigener Resonanz und dem Erleben des Gegenübers, andererseits im Umgang mit der eigenen Energie und Reizverarbeitung. Wer die eigene Funktionsweise kennt, kann diese Ressource bewusster einsetzen und gleichzeitig die eigenen Grenzen schützen. Der Artikel zeigt, was eine Neurodivergenz für die professionelle Beratungspraxis bedeutet.
Was versteht die Individualpsychologie unter Neurodivergenz in der Beratung?
Bevor wir über Neurodivergenz in der Beratung sprechen, lohnt sich eine kurze begriffliche Unterscheidung:
Neurodiversität beschreibt die Vielfalt menschlicher neurologischer Funktionsweisen insgesamt. Neurodivergent sind Menschen, deren Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen von dem abweichen, was gesellschaftlich als neurotypische Norm gilt (vgl. Niechzial, 2024).
Für die Beratung ist diese Unterscheidung mehr als eine sprachliche Feinheit. Sie führt unmittelbar zu einer grundlegenden Haltung. Unterschiedlichkeit ist zunächst keine Abweichung, die korrigiert werden muss. Der Begriff Neurodivergenz beschreibt unterschiedliche Formen neurologischer Entwicklung und Verarbeitung. Dazu werden beispielsweise Autismus und ADHS gezählt. Auch Eigenschaften wie eine besonders intensive Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen werden im erweiterten Diskurs rund um Neurodivergenz thematisiert. Hochsensibilität selbst ist dabei keine klinische Diagnose und wird nicht einheitlich der Neurodivergenz zugeordnet. Für die Beratung ist vor allem ein Gedanke entscheidend. Es gibt nicht die neurodivergente Person. Zwei Menschen können dieselbe Diagnose haben und dennoch völlig unterschiedliche Bedürfnisse, Ressourcen, Belastungsgrenzen und Strategien mitbringen. Hier ist die individualpsychologische Perspektive besonders wertvoll. Sie lädt uns dazu ein, einen Menschen nicht auf ein Merkmal oder eine Diagnose zu reduzieren, sondern seine ganz eigene Lebensbewegung zu verstehen: Wie erlebt dieser Mensch sich selbst, andere und die Welt? Welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Welche Strategien waren oder sind für ihn sinnvoll? Was gibt ihm Sicherheit und Zugehörigkeit? Die Diagnose kann Orientierung geben. Sie erklärt aber niemals den ganzen Menschen.
Das gilt auch für den Berater /die Beraterin. Denn auch wir betreten den Beratungsraum nicht als neutrale Beobachter / Betrachterinnen. Wir bringen unsere Biografie, unsere Wahrnehmung, unsere Erfahrungen, unsere Sensitivität und gegebenenfalls unsere eigene Neurodivergenz mit.

Weshalb ist dieses Wissen über Neurodivergenz in der Beratung so wichtig?
Die eigene Person ist in der Beratung immer Teil des Beratungsprozesses. Wie wir wahrnehmen, Informationen verarbeiten, auf Stimmungen reagieren und Beziehungen gestalten, beeinflusst auch unsere professionelle Arbeit. Deshalb ist es bedeutsam, die eigene Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweise zu kennen. Für mich als hochsensitive Beraterin hat das Wissen um meine Hochsensitivität vieles verständlicher gemacht. Eine erhöhte Sensitivität für innere und äussere Reize sowie eine tiefere Verarbeitung von Informationen prägen nicht nur mein persönliches Erleben, sondern auch die Art, wie ich Menschen und Situationen im Beratungsraum wahrnehme. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Hochsensitivität ist deshalb für mich ein Teil professioneller Selbsterkenntnis. Je besser ich verstehe, desto bewusster kann ich damit im Beratungsprozess umgehen.
Was muss ich als hochsensitive Beraterin / Berater beachten – Resonanz und emotionale Grenzen
Diesen Aspekt kenne ich aus meiner eigenen Arbeit. Ich selbst erlebe mich als hochsensitiv. Wissenschaftlich wird Hochsensitivität beziehungsweise Sensory Processing Sensitivity derzeit als Persönlichkeitsmerkmal verstanden und nicht als eigenständige neuroentwicklungsbezogene Diagnose wie ADHS oder Autismus. Beschrieben werden unter anderem erhöhte Sensitivität gegenüber inneren und äusseren Reizen, tiefere Verarbeitung und stärkere emotionale Reaktivität.
Für meine Arbeit kann diese Sensitivität eine große Ressource sein.
Ich nehme häufig sehr feine Veränderungen wahr: einen Wechsel in der Stimme, Körperspannung, eine kleine Irritation, Zwischentöne oder etwas, das zwischen dem Gesagten und dem emotional Wahrnehmbaren nicht ganz übereinstimmt.
Ich kann intensiv mitfühlen und mich schnell in unterschiedliche Perspektiven hineinversetzen. Aber genau hier beginnt die professionelle Aufgabe. Viel wahrzunehmen bedeutet nicht automatisch, richtig zu interpretieren. Und stark mitzufühlen, bedeutet nicht automatisch, dass dieses Mitgefühl für mein Gegenüber hilfreich ist.
Wo liegen mögliche Stolpersteine?
Eine Erfahrung aus meiner ersten frühen Beratungszeit ist mir erst Jahre später in ihrer Bedeutung bewusst geworden. Eine Klientin erzählte mir von einer sehr belastenden Situation. Ihre Schilderung berührte mich stark – so stark, dass mir selbst Tränen in die Augen kamen. Damals hätte ich meine Reaktion vermutlich vor allem als Empathie verstanden: Ich fühle mit dir. Deine Erfahrung berührt mich. Die Klientin kam danach nicht wieder.
Ich weiss bis heute nicht, weshalb. Und ich kann nicht wissen, ob meine Reaktion etwas damit zu tun hatte. Erst viel später entstand jedoch eine wichtige Frage: Wie mag meine emotionale Reaktion für sie gewesen sein? Vielleicht hat sie Verbundenheit erlebt. Vielleicht aber auch etwas anderes: Ist das, was ich erzähle, so schlimm, dass sogar meine Beraterin davon überwältigt wird?
Oder möglicherweise entstand für einen Moment die Notwendigkeit, nicht mehr ausschliesslich bei ihrem eigenen Erleben bleiben zu können, sondern auch meines wahrzunehmen. Genau darin liegt für mich heute eine wichtige Differenzierung:
Empathie bedeutet nicht, unberührt zu bleiben. Aber professionelle Resonanz bedeutet auch nicht, jede eigene emotionale Bewegung ungefiltert in den Raum zu geben.

Was habe ich selbst daraus gelernt?
Ich möchte mich von meinem Gegenüber berühren lassen. Ich möchte nicht hinter einer professionellen Fassade verschwinden. Aber ich habe gelernt, dass Mitfühlen und Mitschwingen nicht dasselbe sind wie emotionales Verschmelzen. Vielleicht lässt es sich so formulieren: Ich darf mich berühren lassen, ohne dass mein Gegenüber mich halten muss. Meine Emotion darf da sein. Aber der Raum gehört zunächst dem Menschen, der zu mir gekommen ist. Menschen mit starken Emotionen brauchen ein Gegenüber, das diese Gefühle halten kann und Sicherheit vermittelt.
Das bedeutet für mich heute: wahrnehmen, ohne sofort zu interpretieren, mitfühlen, ohne mich im Gefühl des anderen zu verlieren. Resonanz als Information nutzen, ohne sie zur Wahrheit über mein Gegenüber zu erklären, berührt sein, ohne selbst emotional versorgt werden zu müssen.
Gerade bei hoher Sensitivität erscheint mir diese Fähigkeit zur Selbstregulation wesentlich. Forschung zu Environmental/Sensory Processing Sensitivity beschreibt neben erhöhter Wahrnehmung auch erhöhte emotionale Reaktivität und weist auf die besondere Bedeutung von Emotionsregulation hin.
Energie und Grenzen bei einer Neurodivergenz
Als hochsensitive Beraterin gehört es für mich zur professionellen Verantwortung, meine eigene Energie und meine Belastungsgrenzen ernst zu nehmen. Die intensive Wahrnehmung und tiefere Verarbeitung von Informationen bedeutet, dass Beratungsgespräche in mir häufig länger nachwirken und ich ausreichend Zeit zur Verarbeitung und Regeneration brauche. Dieses Wissen beeinflusst deshalb ganz konkret die Gestaltung meiner Arbeit: Wie viele Beratungen plane ich an einem Tag? Wie viel Abstand brauche ich zwischen zwei Gesprächen? Wo brauche ich bewusste Pausen? Meine Grenzen zu berücksichtigen ist dabei nicht nur Selbstfürsorge, sondern auch Teil meiner Verantwortung gegenüber meinen Klient/innen. Denn nur wenn ich meine eigene Regulationsfähigkeit im Blick behalte, kann ich ihnen auch im nächsten Gespräch wieder aufmerksam, präsent und emotional verfügbar begegnen.
Was hilft in der Praxis?
Hilfreiche Fragen können sein:
- Ist das, was ich gerade spüre, möglicherweise Resonanz auf mein Gegenüber oder wird etwas Eigenes aktiviert?
- Kann ich bei starken Emotionen präsent bleiben, ohne sie beseitigen oder selbst übernehmen zu müssen?
- Hilft meine Reaktion gerade meinem Gegenüber – oder entlastet sie vor allem mich?
- Kann ich mitfühlen und gleichzeitig innerlich bei mir bleiben?
- Welche Gefühle meines Gegenübers lösen in mir besonders starke Resonanz aus?
- Wieviel Zeit brauche ich zwischen Beratungen, um wieder präsent und mit mir verbunden zu sein?
- Arbeitsbedingungen der eigenen Funktionsweise anpassen:
- genügend Zeit zwischen Beratungen
- nicht zu viele intensive Gespräche hintereinander
- Pufferzeiten
- Pausen tatsächlich freihalten
- reizärmere Raumgestaltung
- bewusste Terminplanung
- gegebenenfalls unterschiedliche Gesprächsintensitäten über den Tag verteilen
- Zeit für Nachbereitung und Regulation einplanen. Nicht erst reagieren, wenn Erschöpfung bereits eingetreten ist.

Fazit zum Thema Neurodivergenz in der Beratung
Hochsensitivität in der Beratung, kann eine wertvolle Ressource sein. Das Wissen um meine eigene Hochsensitivität und im weiteren Sinne das Wissen um die eigene Neurodivergenz, kann den Blick auf sich selbst und auf die professionelle Rolle verändern.
Was im eigenen Leben vielleicht lange als defizitär erlebt wurde, kann auch besondere Ressourcen für die eigene Beratertätigkeit mit sich bringen. Entscheidend ist, die eigene Art des Wahrnehmens, Fühlens und Verarbeitens mit ihren Stärken ebenso mit ihren Grenzen zu kennen und zu reflektieren. So wird aus einer persönlichen Besonderheit eine bewusst und verantwortungsvolle professionelle Gabe.
Quellenverweise und weiterführende Literatur

Autorin:
Lisa Werthmüller, Dipl. individualpsychologische Beraterin in eigener Praxis in Bern.
Lisa Werthmüller kennt und schätzt die Individualpsychologie seit ihrer Ausbildung an der Akademie für Individualpsychologie. Sie arbeitet in eigener Praxis in Bern mit den Schwerpunkten «Elterncoaching/Familienberatung», «Coaching für pädagogische Fachpersonen», «Elterntrainings-/Kurse».
Möchtest du ebenfalls lernen, wie man psychologisches Wissen auch mit dem Thema Neurodivergenz nutzen kann?
Dann ist vielleicht unsere individualpsychologische Beraterausbildung etwas für dich:
Ausbildung zur individualpsychologischen Beraterin / Berater AFI
Die Akademie für Individualpsychologie (AFI) bietet eine 3-jährige berufsbegleitende Beraterausbildung dazu an. Neben fundiertem psychologischem Fachwissen, viel praktischem Üben ist uns die persönliche Weiterentwicklung eines jeden Studierenden sehr wichtig.
Zusätzlich besteht die Möglichkeit, den eidgenössisch anerkannten Titel «Beraterin / Berater im psychosozialen Bereich mit eidgenössischem Diplom HFP» zu erwerben. Eine Anerkennung durch den Berufsverband mit dem Qualitätslabel psychosoziale Beraterin / Berater SGfB steht nach der Ausbildung ebenfalls offen.
Hier geht es zum nächsten Infoanlass
Wünschst du dir Unterstützung beim Thema Neurodivergenz?
Hier findest du diplomierte individualpsychologische Beraterinnen / Berater in deiner Region: Berater/in finden