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Zugehörigkeit: Eine grundlegende Notwendigkeit

Der nun folgende Text bezieht sich auf Theo Schoenaker und dessen Buch „Das Leben selbst gestalten. Mut zur Unvollkommenheit“, das im RDI-Verlag erschienen ist. Konkret geht es in diesem Text, der die Aussagen Schoneakers inhaltlich wiederzugeben versucht, um die Notwendigkeit der sozialen Akzeptanz bzw. die Zugehörigkeit.

Wer eine Ausbildung in der psychosozialen Beratung machen möchte – ob SGfB anerkannt, SGfB zertifiziert oder aus ausschliesslich eigenem Antrieb – kommt um die Beschäftigung mit dem Thema sozialer Akzeptanz nicht herum.

Selbst wer – teils mit einem Anflug von Stolz – von sich behauptet, ein „Einsiedler“ zu sein oder hervorragend ohne andere Menschen auskommen zu können, klammert Teile seiner eigenen Persönlichkeit aus. Man mag sich irgendwann für das Leben ohne grossartige soziale Kontakte entscheiden. Und die Gründe dafür können vielfältig und nachvollziehbar sein. Doch zunächst einmal zeichnet jeden Menschen die Tatsache aus, dass er ein soziales Wesen ist, das nach Akzeptanz strebt.

Diesen Wunsch nach sozialer Akzeptanz nennen wir auch Zugehörigkeitsgefühl. Wer sich zugehörig fühlt, empfindet sich als gleichwertigen Partner, erlebt sich und andere auf Augenhöhe und kann (und will!) zum Wohle aller beitragen (Gemeinschaftsgefühl). Wer sich dagegen nicht zugehörig fühlt, kann seine Lebensaufgaben nur schwer lösen, trägt nur selten zu konstruktiven Ansätzen bei und fühlt sich nicht akzeptiert.

Das Leben in Armut, Angst oder im Krieg widerspricht der Natur des Menschen. Und die wichtigste Voraussetzung für ein friedvolles Leben ist das authentische Gefühl der Akzeptanz. Auf diese Weise können wir unser Potenzial ausschöpfen, uns entwickeln und uns als Wesen, die gebraucht werden, mit anderen Menschen verbinden.

Der Mensch empfindet also Wohlbefinden in Gruppen, er erlebt dort Zugehörigkeit. Die Ziele einer Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, können gute und hehre sein, aber auch eine fragwürdige Motivation haben, an unserem Zugehörigkeitsgefühl ändert das zunächst einmal nichts. Wenn wir aber – egal, welcher Gruppe wir angehören – an unserem Wert zweifeln, verlieren wir auch das Gefühl der Zugehörigkeit, wir werden ängstlich und unsicher, die gesamte Zusammenarbeit ist in diesem Moment gestört.

Wie das Zugehörigkeitsgefühl wirkt

Interessante Ergebnisse einer Umfrage

Theo Schoenaker hatte im Jahr 1996 die Gelegenheit, eine Untersuchung durchzuführen und rund 1.000 Menschen hinsichtlich ihres Zugehörigkeitsgefühls zu befragen. Die Teilnehmer setzten sich aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen. Auch andere Kolleginnen und Kollegen von Schoenaker führten ähnliche Befragungen durch und kamen zu vergleichbaren Ergebnissen.

Die Teilnehmer, die von einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl sprachen, fühlten sich in der Mehrzahl von folgenden Gefühlen dominiert:

  • angespannt, traurig, aggressiv, ängstlich, dumm, mutlos, allein

Ihre Gedanken gingen in folgende Richtungen:

  • Was habe ich denn schon wieder falsch gemacht?
  • Lasst mich in Ruhe.
  • Mir ist alles egal.
  • Ich ziehe mich zurück und rede kaum.

Menschen ohne Zugehörigkeitsgefühl fühlen sich darüber hinaus nicht in der Lage, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie es anderen geht. Sie erleben andere als weit weg, gemein, fremd und lästig.

Wer auch immer diese beschriebenen Eindrücke erweckt – also Partner, Mitarbeiter, Kinder und andere -, es ist ein wahrscheinliches Zeichen dafür, dass das Zugehörigkeitsgefühl fehlt. Es muss also dringend gestärkt werden.

Wer sich dagegen einem grossen Ganzen zugehörig fühlt, empfindet eher:

  • Fitness, Aktivität, Belastbarkeit und Glück

Die Gedanken gehen in folgende Richtung:

  • Ich bin froh, da zu sein.
  • Ich bin ok und werde gebraucht.
  • Ich bin hilfsbereit.
  • Ich kann mich gut konzentrieren.
  • Ich interessiere mich für andere.
  • Ich habe Humor.

Menschen, die ein Zugehörigkeitsgefühl empfinden, erleben andere als liebenswert, sympathisch und zuvorkommend.

Wie das Zugehörigkeitsgefühl wirkt

Das Gefühl der Zugehörigkeit wirkt sich auf unterschiedlichen Ebenen des Lebens aus. Es entsteht in der Familie, bei gemeinsamen Unternehmungen, im Vereinsleben oder wenn Grosseltern auf ihre Enkel aufpassen.

Doch nicht immer führt das Zugehörigkeitsgefühl zur reinen Freude bei allen Beteiligten. Jugendliche, die sich den Kopf kahl rasieren lassen, mit Alkohol und Drogen experimentieren oder sich zweifelhaften sektenähnlichen Gruppen anschliessen, entwickeln zwar auch das Gefühl der Zugehörigkeit. Ihre Eltern brechen dabei aber meist nicht in Begeisterungsstürme aus.

Das wohl extremste Zugehörigkeitsgefühl zeigt sich bei terroristischen Vereinigungen. Das gemeinsame Ziel führt dazu, dass sich die Gruppenmitglieder diesem unterordnen und zu entsprechenden Handlungen bereit sind. Wobei es auch vorkommt, dass weniger die Menschen einer Bewegung zur Zugehörigkeit motivieren, sondern die dahinterstehenden Ideen.

In jedem Fall ist der Mensch eher bereit, Kritik auszuhalten, wenn er sich damit in einer Gruppe oder einer Idee bewegt, in der er sich akzeptiert fühlt. Viele Eltern, die das erleben, können von dieser „Beratungsresistenz“ ein langes Lied singen.

Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass wir uns einfach besser fühlen, wenn wir uns auf das Gefühl der Zugehörigkeit verlassen können. Wir können mit eigenen Fehlern besser umgehen und in herausfordernden Situationen improvisieren, wir haben den Mut zur Unvollkommenheit.

Daher birgt das Zugehörigkeitsgefühl insgesamt eine grosse Chance, friedlich zusammen zu leben. Es muss aber früh beginnen, Wertschätzung, Liebe und eben Zugehörigkeit ist etwa bei Kindern ein Antrieb, es den Vorbildern gleich zu machen. Da also diese Vorbilder die Richtung vorgeben, kann das Gefühl der Zugehörigkeit enormes Potenzial für eine bessere und friedlichere Welt entwickeln.

3-jährige berufsbegleitende Ausbildung in psychosozialer BeratungWenn das Zugehörigkeitsgefühl fehlt

Geht das Gefühl der Zugehörigkeit verloren, verschwindet auch die Bereitschaft, mitzuarbeiten und mitzuwirken. Bei den einen führt das zu Passivität, andere legen störende Verhaltensweisen an den Tag. Man erlebt das oft (aber nicht nur) bei Kindern, die sich auffällig verhalten, etwa indem sie massiv den Schulunterricht stören. Über diesen „Kampf“, den sie führen und mit dem negativen Verhalten, versuchen sie, ein Zugehörigkeitsgefühl zu erleben.

Erwachsene, die ähnlich störendes Verhalten zeigen, haben meist ihren Platz in den Lebensaufgaben verloren. Sie sind entweder mit ihrer gesamten Situation unzufrieden oder überfordert, sind frustriert von ihrem Job oder haben nicht einmal mehr einen. Hier (und leider immer wieder sogar bei Kindern) ist nicht selten der Gedanke an einen Suizid der vermeintlich letzte Ausweg.

Die Schattenseite der Zugehörigkeit

Wie bereits weiter oben angemerkt, kann ein Zugehörigkeitsgefühl auch destruktiv oder gefährlich sein (denken wir an terroristische Vereinigungen). Aber auch im Mikrokosmos der Familie kann aus einem Zugehörigkeitsgefühl eine Energie entwickelt werden, die sich als gefährliche Kraft zeigt. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Familie zum Aufbau eines Feindbildes gegenüber einer anderen Familie führt.

Und so bekämpfen sich Familien, Rassen, Religionen und Staaten gegenseitig, einfach weil sie nicht in der Lage sind, die andere (gegnerische) Gruppe, Rasse, Religion oder Nation in ihrem (Anders-)Sein zu akzeptieren.

 

Ein paar „Kleinigkeiten“, um Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen

Tatsächlich braucht es im ersten Schritt nicht viel, um beim Gegenüber ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erzeugen. Ein Lächeln, ein Handschlag, ein freundlicher Blick – das sind Signale, die mehr erreichen können als man glaubt. Zudem das Bestärken des Tuns des Gegenüber, die Wertschätzung seiner Leistung, das Nennen seines Namens und die Anerkennung von erzielten Fortschritten – all das sind Dinge, die wahre Wunder vollbringen können.

Diese „Kleinigkeiten“ sind so wirkmächtig, weil sie das Gefühl erzeugen, ernst genommen, angenommen zu werden, wichtig zu sein. Wer das Signal erhält, dazu zu gehören, seinen Platz in der Gruppe oder Gesellschaft zu haben, der wird sich zugehörig und somit besser fühlen.

Daher gilt: Wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene Probleme oder störendes Verhalten an den Tag legen, ist es immer ratsam, der Frage auf den Grund zu gehen, ob ein grundsätzliches Zugehörigkeitsgefühl vorhanden ist. Fehlt dieses, muss der Ansatz an genau dieser Stelle liegen.

Das eigene Zugehörigkeitsgefühl

Wenn wir wissen, wie wichtig das Zugehörigkeitsgefühl ist, erfahren wir etwas über uns selbst. Wir können besser einordnen, wann wir uns gut oder schlecht fühlen. Jeder Mensch hat Phasen im Laufe des Lebens, da fühlt er sich zugehörig und dadurch mutig, stark und bereit, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Das ist dann der Idealzustand.

Doch der ist keineswegs in Stein gemeisselt. Da wir auch Selbstzweifel in uns tragen, können wir nicht immer im Idealzustand sein. In bestimmten Momenten und Situationen schwanken wir, sind unsicher, vielleicht ist uns mulmig, wenn wir gerade eine Entscheidung treffen müssen (wollen), die uns schwerfällt. Zuweilen fühlen wir uns schwermütig, obwohl es scheinbar keinen Grund gibt, dann wieder stark und robust, obwohl die Rahmenbedingungen schwierig sind. Das kann auch mit einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl zusammenhängen.

Am Ende aber bietet auch das Gefühl, sich nicht zugehörig zu fühlen, immer eine Entwicklungschance. Wir können uns fragen, was wir selbst dazu beitragen können, zugehöriger zu sein, wie wir unsere Beziehungen verbessern und Vorurteile reduzieren können. Über den kleinen Umweg, andere zu akzeptieren, können wir zum Schluss kommen, dass es auch unsere eigene Entscheidung ist, dazu zu gehören und das Richtige zu tun, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.

Ob wir ein Zugehörigkeitsgefühl aufbauen, hängt also nicht nur von unserer Umwelt ab. Sondern auch von unserer Entscheidung, dazu gehören zu wollen.

Für die Arbeit als psychosoziale Beraterin / als psychosozialer Berater ist Wissen über das Zugehörigkeitsgefühl unverzichtbar. Denn häufig liegt genau dort der Schlüssel der Erkenntnis.

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