Das Gemeinschaftsgefühl – Alles, was weniger ist als das Ganze, ist zu wenig!, von Theo Schoenaker
Auszug aus dem Buch von Theo Schoenaker, Das Leben selbst gestalten. Mut zur Unvollkommenheit , RDI-Verlag, Seiten 35-46
Mit freundlicher Genehmigung von Theo Schoenaker
5. Das Gemeinschaftsgefühl – Alles, was weniger ist als das Ganze, ist zu wenig!
Gäbe es mehr Gemeinschaftsgefühl, dann:
hätten wir weniger Angst; wären wir nicht einsam;
würden keine achtlos ausgespuckten Kaugummis herumliegen, oder unter Tischen und Stühlen kleben; wären wir rücksichtsvoller, höflicher;
wären wir einfühlsamer, toleranter, geduldiger; würde kein Müll an Autobahnen neben den Müllbehältern liegen;
hätten wir mehr Bewusstheit für soziale Zusammenhänge, die über unser persönliches Leben hinausgehen;
gäbe es Glaube, Hoffnung, Liebe und Gerechtigkeit; würden wir verständnisvoller miteinander reden;
gäbe es weniger Wut;
gäbe es weniger oben und unten;
gäbe es weniger Extreme von arm und reich; gäbe es mehr Gleichwertigkeit;
würden wir mehr Zusammenarbeit riskieren; würde die Würde des Menschen geachtet werden.
Wie Sie sehen, ist das Gemeinschaftsgefühl ein großes Thema, das vom achtlos weggeworfenen Müll, über die Gleichwertigkeit aller Menschen bis hin zum Frieden auf Erden reicht. Der Mensch ist so veranlagt, dass er zum Wohle der anderen Menschen wirken kann. Diese Veranlagung muss entwickelt werden, am besten in der Kindheit. Dann kann es im Erwachsenenalter wirken wie der „aufrechte Gang und das Atmen“ (Adler). Es ist aber nie zu spät, anzufangen, sich für die Mitmenschen und die größeren Zusammenhänge des gesellschaftlichen Lebens zu interessieren. In der Praxis bedeutet das, dass man sich fragt: Was hat das, was ich tue für Konsequenzen für andere? Ob das nun der unter dem Tisch geklebte Kaugummi ist, oder ob ich auf einer Straße, wo eine Fahrtgeschwindigkeit von 30 km vorgeschrieben ist, 80 fahre, oder ob ich mit schlechter Laune lebe. Immer hat das, was ich tue in letzter Konsequenz auch Bedeutung für andere. Wenn ein Kind unerwartet über die Straße läuft, kann ich bei 30 rechtzeitig bremsen. Bei 80 nicht. Meine schlechte Laune beeinflusst andere Menschen und mein Verhalten generell hat Modellcharakter zum Positiven oder zum Negativen. Immer. Der Mensch ist ein soziales Wesen und der Einzelne lebt als Teil der Menschengemeinschaft. Je mehr wir miteinander umgehen, desto mehr entwickeln wir ein Bewusstsein für die gegenseitige Abhängigkeit. Und auch dafür, dass wir in diesem sozialen Geflecht nur nützlich sein können, wenn wir auch gut für uns selbst sorgen.
5.1. Der Begriff Gemeinschaftsgefühl
Der Begriff Gemeinschaftsgefühl steht zentral in der Lebensbetrachtung der Individualpsychologie. Er wurde während des ersten Weltkrieges von Adler folgendermaßen formuliert zum Ausdruck gebracht: „Das einzige, was die Welt heute braucht, ist Gemeinschaftsgefühl.“ Der Begriff war seiner Zeit nicht allgemein bekannt wie heute und wurde von seinen Schülern und Anhängern auch nicht allgemein begrüßt. Einige meinten, dieser Begriff klinge zu sehr nach „liebe deinen Nächsten“ und gehöre eher in den Bereich der Religion als in den Bereich der Wissenschaft. Andere gaben zum Ausdruck, dass es diesen Begriff sogar in der Philosophie nicht gäbe. Einige kündigten Adler die Gefolgschaft. Im Laufe der nachfolgenden Jahre hat Adler den Begriff „Gemeinschaftsgefühl“ immer mehr mit Inhalt gefüllt. Auch ihm selbst fiel eine klare Definition schwer. Er schrieb: „Wenn wir sagen, es ist ein Gefühl, so sind wir sicherlich dazu berechtigt. Aber es ist mehr als das, es ist eine Lebensform, es ist eine ganz andere Lebensform als bei einem Menschen, den wir als antisozial bezeichnen. Ich bin nicht in der Lage, es ganz eindeutig zu definieren, aber
ich habe bei einem englischen Autor eine Wendung gefunden, die klar zum Ausdruck bringt, was wir zu unserer Erklärung beitragen könnten: Mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören, mit dem Herzen eines anderen zu fühlen. Das scheint mir eine vorläufig zulässige Definition von dem zu sein, was wir Gemeinschaftsgefühl nennen.“
Wenn Menschen sich zugehörig fühlen, wollen sie im Sinne des Gemeinschafsgefühls betragen. Fühlen sie sich als integrierter Teil einer grösseren Gemeinschaft, wo Sie sich nützlich vorkommen und beitragen?
5.2. Das Wohl der größeren Gemeinschaft
Es geht bei Gemeinschaftsgefühl um das Verhalten des Einzelnen zu seiner Umgebung, zu seiner Familie, zu seinen Kollegen, aber auch um das Verhalten der Staaten und Nationen zueinander. Der Begriff „Gemeinschaftsgefühl“ umfasst alle erstrebenswerten Eigenschaften und Verhaltensweisen, die Ausdruck von Mitmenschlichkeit und Zusammenarbeit sind.
Interesse für die Interessen anderer; Zusammenarbeit; einen freundlichen und ermutigenden Umgang; gegenseitige Hilfe; Beratung; Selbstverantwortlichkeit; Wir- Bezogenheit; Optimismus; Empathie; Gleichwertigkeit; Gerechtigkeit; Gutes tun, auch ohne andere davon wissen zu lassen; Selbstvergessenheit in den Aufgaben des täglichen Lebens. Um nur einige zu nennen. Das alles wird getragen von der goldenen Regel, dem roten Faden durch alle Religionen, die im Kern lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu.“
Richtig ist, was richtig ist für die Gemeinschaft. Richtig kann nicht sein, was gegen das Wohl der größeren Gemeinschaft gerichtet ist. Handeln im Sinne des Gemeinschaftsgefühls entsteht automatisch, wenn wir uns nicht nur als Einzelwesen (als eine Insel), sondern als organischer Teil einer größeren Einheit betrachten. Wenn wir uns selbst betrachten als Teil der Partnerschaft, der Familie, der Gruppe, des Vereins, der Menschheit, dann wird unser Handeln nützlich sein für die anderen und für uns selbst. Wir wissen dann, dass Schädigung anderer, Selbstschädigung ist. So werden wir uns selbst entwickeln und sowohl auf das persönliche Wohl wie auch auf das Wohl der anderen bedacht sein.
Man kann in den einzelnen Situationen nicht immer mit Sicherheit wissen, welches Verhalten im Sinne des Gemeinschaftsgefühls richtig ist, aber je mehr wir mit dieser Frage leben, desto näher kommen wir der Wahrheit. Die Praxis heißt: An andere denken, weiter denken als die eigenen Belange. Die an den Tischen geklebten Kaugummis müssen wieder entfernt werden. Von wem? Ein achtlos weggeworfenes brennendes Streichholz kann einen Waldbrand verursachen. Achtlos oder absichtlich veröffentlichte Mohammed-Karikaturen und Hetzfilme können einen Weltbrand entfachen, verursacht von Menschen, die möglicherweise auf Geldverdienen, auf ihren zweifelhaften Ruhm oder auf die Freude am Zerstören ausgerichtet sind und nicht weit genug über den eigenen Horizont an das Wohl der größeren Gemeinschaft und deren Zukunft denken.
5.3. Gemeinschaftsgefühl, eine religiöse Grundhaltung?
Wenn wir diese Übersicht betrachten, sehen wir, dass hiermit auch die edelsten Ziele der großen Religionen erreicht werden und erkennen, dass jeder, der Gemeinschaftsgefühl lebt, aus einer religiösen Grundhaltung heraus lebt. Ob ihm das nun bewusst ist oder nicht. Ob er religiös erzogen wurde oder nicht. Ob er an Gott glaubt oder nicht. Das Thema Gemeinschaftsgefühl ist wohl das stärkste Bindeglied zwischen Religion und Individualpsychologie. Adler selbst sagt in diesem Zusammenhang: „Es hat immer Menschen gegeben, die diese Tatsache (die Notwendigkeit das Gemeinschaftsgefühl zu leben), begriffen haben, die wussten, dass der Sinn des Lebens darin besteht, am Ganzen der Menschheit Anteil zu nehmen, und die das Gemeinschaftsgefühl und die Liebe zu fördern versuchten. Diese Sorge für das Heil des Menschen finden wir bei allen Religionen. In allen großen geistigen Bewegungen der Welt bemühten sich Menschen, das Gemeinschaftsgefühl zu steigern, und die Religion ist eine der wichtigsten Bestrebungen in diesem Sinn.
Religionen jedoch wurden oft falsch verstanden, und man kann sich schwer vorstellen, dass sie mehr tun können als bereits geschieht, wenn sie sich nicht viel nachdrücklicher um diese allgemeine Aufgabe bemühen.“2 Die Enzyklika „Deus caritas est“ 2006 von Papst Benedikt
XVI. ist beispielsweise ein aktueller Ausdruck dieser Bemühungen.
Adler hat den wissenschaftlichen Begriff Gemeinschaftsgefühl aus der Individualpsychologie mit „liebe deinen Nächsten“ gleichgesetzt. Der Begriff bezieht sich auf alle Menschen dieser Erde und ist nicht an Religionsgrenzen gebunden. So gesehen haben alle Offenbarungsreligionen das Leben nach den Inhalten des Gemeinschaftsgefühls gepredigt und eingefordert. Sie sind dabei wohl auch von einer menschlichen Veranlagung zur Gemeinschaft und Frieden ausgegangen. Wie konnten sie es sonst als Lebensform fordern. Mir persönlich gefällt die Idee, dass der Mensch nicht eine Insel, sondern immer Teil einer größeren Gemeinschaft ist, besser. Wer in diesem Bewusstsein lebt, erfüllt die Bedingung, die Nächstenliebe ermöglicht.
Wie Adler in obigem Zitat sagt, hat es neben den Religionsstiftern immer schon große Menschen gegeben, die diese Tatsache begriffen haben Er überlässt es uns,
herauszufinden, wen er meint.
5.4. Hugo de Groot
Mich hat Hugo de Groot (1583-1645) als eine dieser Lichtgestalten sehr beeindruckt. Unter dem Namen Hugo de Groot lernte ich ihn in der Grundschule kennen. International ist er eher unter dem latinisierten Namen Hugo Grotius bekannt. Grotius war der erste von zwei Söhnen einer angesehenen Kaufmannsfamilie in der blühenden Handelsstadt Delft. Schon mit 15 Jahren hatte sein Ruhm die Landesgrenzen überschritten. Als er von dem französischen König Heinrich empfangen wurde, nannte dieser ihn, das Wunder von Holland. Grotius wurde bekannt als Jurist, Politiker, Gesandter, Dichter, Übersetzer, als großer Denker, Historiker und nicht zuletzt als Theologe. 1625 beendete er die Arbeit an dem Werk „Vom Recht des Krieges und des Friedens“. Anlass dazu gab der Dreißigjährige Krieg. – Alfred Adler wickelte übrigens seine Ideen zum Gemeinschaftsgefühl seinen Erfahrungen im ersten Weltkrieg – . Grotius wollte mit dem Krieg verbundenen Verrohung und Willkür etwas entgegensetzen. Er wollte Rechtsregeln präsentieren, die alle Religionen und Völker, ja, für alle Menschen dieser Welt gleichermaßen verbindlich sein sollten. Er ging davon dass solche Rechtsregeln nicht erfunden werden muss – sondern dass es dabei um Naturrecht geht, das es von aller Anfang gibt und von jedem redlichen Menschen unabhängig von seiner Volks- oder Religionszugehörigkeit erkannt werden kann. Er geht von der Grundlage aus – und hier treffen sich Grotius und Adler wieder -, dass Gott dem Menschen den appetitus societatis, „die Liebe zur Gemeinschaft“ eingeschaffen hat. Auf diesem natürlichen Streben Menschen zu einem geordneten Zusammensein mit andern gründe alles, was zwischen den einzelnen Menschen, aber auch zwischen den Staaten Geltung haben müsse. Er schreibt: „Der Mensch ist nicht bloß ein Lebewesen, sondern dasj höchste Lebewesen, und der Unterschied zu allen andern lebenden Wesen ist weit größer als die Unterschiede zwischen den übrigen Gattungen. Dies beweisen viele dem menschlichen Geschlecht eigentümliche Tätigkeiten. Zu diesen gehört der gesellige Trieb zu einer ruhigen und nach dem Maß seiner Einsicht geordneten Gemeinschaft mit seines gleichen “ Er kommt dann auf das Verhalten
von Tieren und Kindern zu sprechen und führt danach aus: „Wenn der Mensch aber in das reifere Alter getreten ist, und gelernt hat, sich in gleichen Fällen gleich zu benehmen, so verbindet er, wie man leicht bemerkt, mit einem starken geselligen Trieb, für den er allein vor allen Geschöpfen das besondere Mittel der Sprache besitzt, auch die Fähigkeit, allgemeine Regeln zu fassen und danach zu handeln. Alles, was hiermit zusammenhängt, hat der Mensch nicht mehr mit allen anderen Geschöpfen gemeinsam, sondern ist eine Eigenart der menschlichen Natur. Diese von uns hier nur roh bezeichnete der menschlichen Vernunft entsprechenden Sorge für die Gemeinschaft ist die Quelle dessen, was man recht eigentlich mit dem Namen Recht bezeichnet. Dazu gehört, dass man sich fremden Guts enthält und es ersetzt, wenn man etwas davon besitzt oder genommen hat, ferner die Verbindlichkeit, gegebene Versprechen zu erfüllen, der Ersatz des durch unsere Schuld veranlassten Schadens und die Wiedervergeltung unter den Menschen durch Strafe.“ Er führt auch aus, wann es erlaubt ist, einen Krieg zu führen, wie man mit Gefangenen umzugehen hat, wie Frieden zu schließen ist und dass es in einem Krieg nie einen rechtsfreien Raum gibt.
Hierauf will ich mich im Rahmen dieses Kapitels beschränken. Obwohl sein Werk von der katholischen Kirche sofort auf den Index gesetzt wurde, ist es trotzdem Ausgangspunkt für die Entwicklung des Völkerrechts geworden. Auf diese Veröffentlichung geht die erste Hagener Friedenskonferenz von 1899, die Charta der Vereinten Nationen 1945, der Internationale Gerichtshof in Den Haag und die Gedanken von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zurück. Auch in den Nürnberger Prozessen 1945/49 hat man sich wiederholt auf Hugo Grotius abgestützt.
5.5. Gemeinschaftsgefühl, ein lebbares Konzept
Howler-Affen helfen einem verwundeten Mitglied ihrer Gruppe. Mehrere Affen versammeln sich um das Opfer und tasten die Wunde mit den Fingern. Wenn das Opfer stark blutet, versuchen einige Affen die Wunde zu schließen, andere sammeln inzwischen Blätter, die sie erst kauen und dann als Verband benutzen.
Es geht bei der Individualpsychologie nicht um eine Lebensphilosophie, die mit Worten anfängt und mit Worten aufhört, sondern um lebbare Konzepte. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen und das Gemeinschaftsgefühl ist das, was das Leben in der Familie, in der Kommune, im Staat und in der Welt als Ganzes ermöglicht. Hätten wir das Gemeinschaftsgefühl nicht, dann fehlte die Liebe, die Fürsorge und die Rücksicht und all das oben Beschriebene. Ohne das alles würden wir uns aus lauter Angst und Ich-Bezogenheit umbringen. Ich will damit sagen, dass das Gemeinschaftsgefühl so wie es hier beschrieben wird, nicht etwas grundlegend Neues ist. Es lebt unter uns, aber es muss bewusst weiter entwickelt werden um die rasante Entwicklung hin zu einer neuen Weltordnung in Frieden gestalten zu können.
Der Einzelne lebt sein Leben in den Lebensaufgaben, so wie ich sie in Kap. 2 beschrieben habe. Die in Kap. 1 beschriebenen erstrebenswerten sozialen Qualitäten, wie Interesse für andere, zusammenarbeiten, freundlich und ermutigend sein usw. bilden im Grunde eine Anleitung für die befriedigende und erfolgreiche, nützliche Lösung der Lebensaufgaben und die Entwicklung von Gemeinschaftsgefühl.
Ich möchte aber in der Betonung von ermutigenden Verhaltensweisen nicht missverstanden werden. Es geht um mehr als nur um Freundlichkeit, um nett sein, den anderen mögen oder sympathisch finden, wie wichtig das alles auch ist. Wenn wir eine Eimerkette bilden, um ein Feuer zu löschen, ist es unerheblich, ob wir uns sympathisch finden oder nicht. Wir haben ohne Entschuldigung den Eimer anzunehmen und weiterzureichen, egal wie wir uns dabei fühlen. Das ist Gemeinschaftsgefühl: Zusammenarbeit, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und ein gemeinsames Ziel, das wichtiger ist als die Sympathie zum einzelnen Wasserträger.
Jede Erweiterung unseres Wir-Gefühls wird Fortschritte bringen, weil wir weiterdenken als unser Eigeninteresse. Es werden weniger gekaute Kaugummis an Stühlen oder Tischen kleben, oder an den Straßen ausgespuckt werden. Es wird weniger Müll an Autobahnen neben den Müllbehältern liegen. Es werden mehr Männer bereit sein, sich beim Wasserlassen hinzusetzen, um nur ein paar Kleinigkeiten zu nennen. Weil unser Gemeinschaftsgefühl es nicht zuließe.
Gemeinschaftsgefühl gelebt, führt zu überzeugenden Entwicklungen von Fähigkeiten, die Minderwertigkeitsgefühlen keinen Platz lassen. Deshalb wird in individualpsychologischen Trainings, Beratungen oder Therapien immer versucht, die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls zu fördern.
Überall, wo Sie mit Menschen zusammen sind, können Sie Gemeinschaftsgefühl üben. Das kleinste Übungsfeld ist die Partnerschaft. Die weiteren Felder ergeben sich von selbst: Die Familie, der Arbeitsplatz, das Kollegium, der Verein, die Menschen auf der Straße, die Nachbarschaft, die Kommune bis hin zur inneren Verbundenheit mit der Weltbevölkerung. Gemeinschaftsgefühl ist eine praktische Lebensart, die man sehen kann. Alfred Adler sagte sinngemäß: Das Maß an Gemeinschaftsgefühl erkennen Sie an der Art, wie jemand mit dem Kellner umgeht. Bei einer anderen Gelegenheit sagte er: Schau den Leuten nicht auf den Mund, schau ihnen auf die Hände.4
In welchen Lebensbereich könnten Sie mehr Gemeinschaftsgefühl üben? Und welche Qualitäten wollen Sie dafür einsetzen? Vielleicht Zusammenarbeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Interesse zeigen, Verbindlichkeit?
Die Lebensaufgaben stellen die Ecksteine des gesellschaftlichen Bauwerkes dar und die Bedeutung des Themas wird durch folgendes Zitat klar:
„Sind aber diese drei Fragen (die Lebensaufgaben) mit ihrer gemeinschaftlichen Basis des sozialen Interesses (= Gemeinschaftsgefühl) unausweichlich, dann ist es klar, dass sie nur von Menschen gelöst werden können, die ein zulängliches Maß von Gemeinschaftsgefühl ihr eigen nennen. Es ist leicht zu sagen, dass bis auf den heutigen Tag wohl die Eignung jedes Einzelnen zur Erlangung dieses Maßes vorhanden ist, aber die Evolution der Menschheit noch nicht genug fortgeschritten ist um Gemeinschaftsgefühl dem Menschen so weit einzuverleiben, dass es sich automatisch auswirkt, gleich atmen oder gleich dem aufrechten Gang. Es ist für mich keine Frage, dass in einer vielleicht sehr späten Zeit diese Stufe erreicht sein wird, falls die Menschheit nicht an dieser Entwicklung scheitert, wofür heute ein leichter Verdacht vorhanden ist.“5 Diese Worte schrieb Alfred Adler in den 30er Jahren.
Alfred Adler war im Ersten Weltkrieg Gesundheitsoffizier und er erlebte den ganzen Wahnsinn des Krieges wo er als Arzt allzu oft seine Unfähigkeit zu helfen und zu heilen erlebte. Man schrieb das Jahr 1916, als sich Adler zum ersten Mal – mitten im Krieg – mit seinen Schülern und Kollegen, die die intellektuelle Creme de la Creme von Wien bildeten, traf. Sie erwarteten von ihm, dass er neue Ideen brachte. Und so stellte einer seiner Schüler die Frage: „Nun Adler, was gibt’s Neues?“6 Adler war ruhiger geworden und er setzte sich in den Kreis, schaute jeden Einzelnen an und sagte: „Das Einzige, was die Welt heute braucht, ist Gemeinschaftsgefühl.“ Das war 1916. Hat die Welt es seitdem gebraucht? Und jetzt im Zeitalter der Globalisierung?
Autor: Theo Schoenaker, Jg. 1932, Begründer des Adler-Dreikurs-Instituts und der Individualpsychologischen Sozialtherapie. Er ist Individualpsychologischer Berater (DGIP, SGAIP), Logopäde und Autor mehrerer individualpsychologischer Lebenshilfe- und Fachbücher.
Auszug aus dem Buch:
Theo Schoenaker
Das Leben selbst gestalten. Mut zur Unvollkommenheit
RDI-Verlag
279 Seiten, 1. Auflage 2006 ISBN 3-932708-27-X
S., 35-46
RDI-Verlag
Pfarrer-Wissing-Straße 63 D-46397 Bocholt-Barlo http://www.rdi-verlag.de



