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Überblick über das Menschenbild in der Individualpsychologie (Teil II)

Im ersten Teil ging es um die Individualpsychologie nach Alfred Adler im Allgemeinen und um die Aspekte des sozialen Wesens Mensch. In diesem Teil beschäftigen wir uns mit weiterführenden Aspekten wie etwa Minderwertigkeits- und Zugehörigkeitsgefühlen, und um das Gemeinschaftsgefühl, die Familienkonstellationen und den Lebensstil eines Menschen. Bevor Sie eine Ausbildung in Lebensberatung oder eine Lifecoach Ausbildung beginnen, ist es sinnvoll und ratsam, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.

Übrigens: Über die Subjektfinanzierung und SGfB zertifiziert kann die Ausbildung staatlich bezuschusst werden.

Gutes Minderwertigkeitsgefühl oder schlechtes Minderwertigkeitsgefühl?

Den Begriff Minderwertigkeitsgefühl wird von Individualpsychologen als  Thema schon lange diskutiert, und die Einschätzungen unterscheiden sich immer wieder voneinander. Während bedeutende Richtungen davon ausgehen, dass das Minderwertigkeitsgefühl etwas Schlechtes ist, sehen dies individualpsychologische Berater*Innen anders.

Alfred Adler hatte seine ganz eigene Sicht auf die Dinge, für ihn war das Minderwertigkeitsgefühl nichts Negatives, sondern im Gegenteil etwas, das erstrebenswert, normal und notwendig ist. Er führt dieses Gefühl auf eine biologisch bedingte Minderwertigkeit beim Menschen zurück, welche der gesunde Mensch zur Überwindung antreibt. Diese Gefühle sind daher der Motor der gesamten Menschheitsentwicklung.

Doch Adler sah auch Grenzen. So befand er ein übersteigertes Minderwertigkeitsgefühl als ein Zeichen für Störungen, die den Menschen blockieren. Für die Ausbildung, etwa wenn Sie Berater SGfB werden wollen, ist entscheidend, dass die Stärkung in die eigenen Fähigkeiten einem übersteigerten Minderwertigkeitsgefühl entgegenwirken kann.

Alfred Adler Zitat Symptom

Das Streben des Menschen nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft

Nach Alfred Adler ist eines der Hauptansinnen des Menschen das Zugehörigkeitsgefühl. Schon Kinder sind auf der Suche nach ihrem Platz, zunächst in der Familie, später im weiteren sozialen Umfeld.

Um sich die Relevanz der Zugehörigkeit bewusst zu machen, hilft es, zu beobachten, was geschieht, wenn diese einem Menschen fehlt. Nicht-Zugehörigkeit führt bei Menschen dazu, sich unangenehm zu fühlen, fehlende Wertschätzung zu bemängeln, seinen Platz nicht zu fühlen, sie führt aber auch zu Überreflexion, Angst vor Blamagen oder Fehlern und zu körperlichen Verspannungen. Mitglied einer Gruppe zu sein, führt also nicht automatisch zur Zugehörigkeit, sondern kann sogar die Gefühlswelt eines Menschen völlig durcheinanderbringen.

Umso wichtiger ist das vorhandene Gefühl der Zugehörigkeit einzuordnen und gegebenenfalls zu korrigieren. Denn mit dem Wissen um die Zugehörigkeit, können sich körperliche und geistige Kräfte entwickeln, das Ausbleiben des Infragestellens der eigenen Handlungen stärkt das Selbstvertrauen und schafft Potenziale für die eigene Entwicklung.

Aus dem Zugehörigkeitsgefühl entwickelt sich das Gemeinschaftsgefühl. Dieses wiederum beinhaltet das Interesse an anderen Menschen, also gewissermassen das Interesse am Interesse. Für das menschliche Zusammenleben ist es enorm wichtig, ein gut ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.

Das Gemeinschaftsgefühl ist es auch, das eine soziale Gleichwertigkeit entstehen lassen kann.

Alfred Adler Zitat Mensch

Die Familie und das Kind

Insbesondere für Kinder ist die Familie zunächst der wichtigste Platz im Leben, an dem sie ihre eigene Rolle suchen. Kinder haben aussergewöhnliche Fähigkeiten, ihrem sozialen Grundbedürfnis Beachtung zukommen zu lassen. Diese Entwicklung des Kindes ist besonders wichtig, weil es dabei eine beeindruckende Kreativität entwickelt, die für die weitere Entwicklung von Bedeutung ist.

Bei aller individuellen Kreativität des Kindes finden sich immer wieder gewisse Regelhaftigkeiten. Interessant ist auf der anderen Seite, dass es vorkommt, dass Erstgeborene, die aus zwei verschiedenen Familien stammen, mehr Ähnlichkeiten aufweisen, als das bei Kindern der Fall ist, die aus einer Familie kommen. Die jeweilige Position der Geschwisterreihe hat also einen Einfluss auf die weitere Entwicklung des kindlichen Lebensstils. Ebenso die Stellung die einem Kind erstrebenswert erscheint, etwa der Beste zu sein, hat nachhaltig Auswirkungen auf die spätere Lebensführung.

Ein Teil der Individualpsychologie ist der Blick zurück. Doch dieser dient lediglich dem Blick nach vorn, denn in der Individualpsychologie geht es immer ums Hier und Jetzt. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit soll helfen, das jetzige Leben zu verbessern, indem bestimmte Erfahrungen, Erlebnisse und Mechanismen aus der Historie eines Menschen der gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklung helfen. Nach Adler ist der primäre Ansatz die soziale Gleichwertigkeit, die die Abwertung von Menschen verhindert.

Ist alles vorherbestimmt?

Inwieweit kann der Mensch seine Geschicke wirklich bestimmen, wie frei ist er letztlich? Diese Frage beschäftigt die grossen Denker der Menschheit seit Jahrtausenden. Und auch in der psychosozialen Beratung steht immer wieder die Frage im Raum, wie viel Einfluss frühkindliche Erfahrungen haben und ob der Lebensstil veränderbar ist.

Adler sprach bewusst vom sogenannten „weichen Determinismus“, weil er der Meinung war, dass man sich eben nicht handlungsunfähig seinem Schicksal ergeben muss. Der persönliche Lebensstil ist also relativ zur Möglichkeit der eigenen Veränderung zu betrachten. Etwa durch selbstbewusst reflektierendes Verstehen des eigenen Lebensstils kommt es dazu, dass dieser nicht „in Stein gemeisselt“ ist, sondern individuell neu ausgerichtet und gestaltet werden kann.

Alfred Adler Zitat Frage

Individualpsychologie heisst immer auch, sich weiter zu entwickeln

Im Laufe der Entwicklung der Individualpsychologie, die der Tradition von Alfred Adler, Theo Schoenaker und Rudolf Dreikurs entspricht, gab es immer wieder neue Ansätze, Begrifflichkeiten, Bedeutungen und Abgrenzungen wurden im Laufe der Zeit von neu hinzugekommenen Denkern in andere Richtungen gelenkt. Diese Prozesse sind wichtig, sie führen zu neuen Erkenntnissen, die ihrerseits die Positionierung des psychologischen Menschenbildes verständlicher machen.

Der Bedeutung der Lehre von Alfred Adler schaden diese Veränderungen nicht, im Gegenteil. Sie zeigen nur auf, wie nah Adler seine Ideen an der Praxis ausgerichtet hat. Und sie belegen, dass auch 100 Jahre nach Adlers Formulierungen die alltagspraktische Relevanz offenkundig ist. Zitiert wurde eben diese Relevanz anlässlich seines 150 Geburtstags, welcher 2020 gefeiert wird. Die Neue Zürcher Zeitung NZZ titelte: „Von diesem Psychologen wäre heute viel zu lernen“. Und wie! Für die Ausbildung zum psychosozialen Berater / psychosozialen Beraterin sollte Alfred Adler daher zum Rüstzeug eines jeden angehenden Beraters gehören.

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