Persönlichkeit – verstehen wie Menschen ticken
Was der Mensch wird, entscheidet sich zu ca. 50% die Erbanlage. Was er daraus macht, entscheidet der Mensch selbst. Siegfried Gsell
Wer Menschenkenntnis besitzt, ist gut. Wer Selbsterkenntnis besitzt, hat Aussicht auf Erleuchtung. Chinesisches Sprichwort
Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. Ödön von Horváth
Persönlichkeit – die vier Grundrichtungen GPI©
Selbstanalyse ist der Anfang
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit erlaubt es Menschen, sich und ihr Verhalten besser zu verstehen. Das eigene Menschsein wird verständlicher und dadurch fällt es auch leichter, andere Menschen besser zu verstehen – zu verstehen, dass auch sie geprägt sind und ihre Art zu denken und zu handeln einfach ihre Art ist.
Selbstanalyse durch Testverfahren
Bei Testauswertungen wird das Augenmerk meist auf Verhaltensweisen gerichtet. Ein wesentlicher Akzent wird dabei sicherlich darauf gelegt, dass eigene Stärken bewusster eingesetzt werden können. Als Coachingplus GmbH arbeiten wir seit fast 15 Jahren sehr erfolgreich mit dem Verfahren „Grundrichtungen der Persönlichkeit“ GPI(c). In den Auswertungsgesprächen gehe ich davon aus, dass sich jede Person selbst am besten kennt. Oft fühlen Menschen intuitiv Punkte, haben jedoch nicht die Worte, um dies zur Sprache zu bringen. Manchmal fehlt es einfach an den Worten, um sich selbst zu beschreiben. Das einfühlende und erweiternde Gespräch ermöglicht an dieser Stelle, über sich selbst hinauszuwachsen und zu einem vertieften Verständnis der eigenen Persönlichkeit zu gelangen.
Einfach und aussagekräftig
Das Testverfahren GPI(c) erzeugt keine „Verlierer“, sondern zeigt konkrete, handlungsorientierte Wege zur Ausschöpfung des eigenen Potenzials auf. Die Grundrichtungen verdeutlichen die Grundüberzeugungen bzw. Denk- und Verhaltensmuster. Bei jeder Grundrichtung gibt es Möglichkeiten, Stärken und Chancen, aber auch Schwierigkeiten. Hat ein Mensch genügend Selbstvertrauen bzw. Mut, entfalten sich die konstruktiven Seiten seiner Grundrichtung umso stärker.
Die ergebnisorientierte Betrachtungsweise
Dieses individualpsychologische Verfahren ist in der Betrachtungsweise final bzw. zielorientiert im Sinne des Satzes von Theo Schoenaker: „Wenn du wissen willst, was du willst, musst du schauen, was du tust und was das Resultat dabei ist.“ Der Fokus im Fragen ist dabei: Wie kriegt es die einzelne Grundrichtung immer wieder hin, die spezifischen Ziele zu erreichen und was ist das dadurch erreichte Endresultat? Manche Geschäftige gewinnen immer und fühlen sich gut dabei. Dass andere Beteiligte dabei immer verlieren, ist manchen Geschäftigen nicht einmal bewusst und ist die andere Seite der Münze. Doch final betrachtet ist genau das das
(un-) bewusste Ziel: Ich gewinne und triumphiere über andere – was dann ja auch geschieht.
Diese Betrachtungsweise ist wohl der grösste Unterschied zu anderen Testverfahren, welche meist Verhalten, aber nicht die Absichten beschreiben. Die individualpsychologische
Betrachtungsweise sieht immer das Ziel (Absicht). Die angestrebten und erreichten Resultate geben Auskunft über die Finalität eines Menschen, weil die menschlichen Entscheidungen immer auf ein Ziel hin gerichtet sind.
Diese Selbsteinsicht und -reflektion ist ein unerlässlicher Bestandteil eines Auswertungsgespräches. Die Einsicht über die eigene Vorgehensweise, die eigenen Absichten und deren Nutzen soll gewonnen werden.
1. Der Geschäftige – ständig ausser Atem
Daran kann man ihn erkennen: Er ist unermüdlich, tüchtig und ständig in Aktion. Er widerspiegelt den rastlosen Zeitgeist und lebt ständig über seine Kräfte.
Warum kann er nicht anders? Er hat Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Die ständigen Aktivitäten vermitteln ihm ein Gefühl von Wichtigkeit, Halt und Sicherheit. Tritt plötzlich Leerlauf ein, kommt Versagensangst auf: Habe ich vielleicht nicht genug geleistet? Habe ich etwas vergessen? Was kann ich tun, um nicht Mittelmass zu sein? Statt die Stille dankbar anzunehmen, weicht der Geschäftige sofort wieder an die Aktionsfront aus. Dahinter steckt die Überzeugung, ein Erfolgstyp müsse sich jederzeit rastlos für seine Ziele einsetzen. So wird schon das Leben der Kleinsten auf Erfolgskurs getrimmt. Nur messbare Leistungen werden belohnt, und es gilt, um jeden Preis Aufmerksamkeit zu bekommen.
Dieser stressanfällige Mensch kennzeichnet sich durch folgendes Verhalten:
– hohe Leistungsorientierung
– hohes Verantwortungsbewusstsein
– starke Identifikation mit seiner Arbeit
– immer 120 % Leistung.
Dieser Mensch verausgabt sich bis zum Schluss. Sein Leidensdruck ist meist gering. Dementsprechend treten die Folgen oft erst nach jahrelangem Raubbau auf. Die Gesundheitsrisiken liegen bei diesem Typ bei einer besonderen Anfälligkeit zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und Burnouts.
2. Der Konsequente – wenn man (kaum) zufrieden ist
Daran kann man ihn erkennen: Er hat alles im Griff und unter Kontrolle, sowohl sich selbst als auch seine Umgebung. Er arbeitet methodisch und fühlt sich gestört durch Abweichungen. Er liebt die Ordnung und Übersicht. Konsequente sind naturgemäss mit ihren Leistungen oder denen anderer nie ganz zufrieden, da es immer eine noch höhere Stufe der Vollkommenheit gibt. Sie teilen ihre Zeit gut ein, sind gewissenhaft und können vorausschauen und planen. Auf der anderen Seite können sie ihre Mitmenschen durch ihre Erwartungshaltung, die sie meist klar formulieren, unter Druck setzen. Die Zeitplanung wird über den Haufen geworfen, wenn der Konsequente mit der eben fertig gestellten Arbeit nicht zufrieden ist. Immer und immer wieder wird an Details gefeilt, wodurch viel Zeit und vor allem Energie „verloren“ geht.
Warum kann er nicht anders? Er hat Angst vor der Unordnung und dem Verlust von Sicherheit. Der Konsequente will alles unter Kontrolle haben, dann fühlt er sich sicher. Das Leben soll nicht ihn beherrschen, sondern er will das Leben (und was damit verbunden ist) beherrschen. Perfektion ist dabei das höchste Gut. Sein ganzes Streben geht auf dieses Ziel hin.
Bei Überlastung reagiert der Konsequente mit:
– Zwangsverhalten
– Unzufriedenheit
– Unmut.
3. Der Freundliche – wenn man nicht nein sagen kann
Er ist hilfsbereit, nachsichtig und immer freundlich. Er bekommt und gibt viel Zuneigung. Wenn der Nachbar Hilfe braucht oder ein Freund bzw. eine Freundin Kummer hat – er ist da. Unbezahlte Überstunden für die Firma, selbst wenn die Familienarbeit auf das Wochenende verschoben wird – der Freundliche nimmt sich für jeden und alles Zeit, selbst wenn er keine hat. Rein äusserlich ist ihm wenig anzumerken. Wo andere hektisch werden, bleibt er scheinbar gelassen. Er scheint so belastbar in sich ruhend, dass niemand ein schlechtes Gewissen hat, wenn man ihm noch mehr auflädt. Er macht auch noch gute Miene zum bösen Spiel, wenn ihm schon lange zum Heulen ist.
Warum kann er nicht anders? Er hat Angst vor Ablehnung, die er mit Liebesverlust gleichsetzt. Die Furcht, bei weniger Engagement nicht mehr gemocht zu werden, ist das zentrale Thema des Freundlichen.
Bei anhaltendem Stress neigt der Freundliche zu folgenden Verhaltensweisen:
– Rückzug
– psychosomatische Beschwerden.
Freundliche weichen oft konfrontativen Auseinandersetzungen aus und zeigen einen Hang zur Harmonie, die es zu schützen gilt. Sie unterdrücken negative Gefühle und zeigen im Belastungsfall eine „Tendenz zur Hilfs- und Hoffnungslosigkeit“. Ihren Mitmenschen gegenüber verhalten sie sich meist freundlich, geduldig und erheben wenige Ansprüche, hegen jedoch viele Erwartungen – das Enttäuschungspotential ist hoch. Menschen mit dieser Grundrichtung sind kaum in der Lage abzuschalten, d. h. sie schleppen Probleme und Stresssituationen mit nach Hause und „fressen sie häufig in sich hinein“.
4. Der Gemütliche – wenn einem alles über den Kopf wächst
Er ist bescheiden, vorsichtig, abwartend. Der Gemütliche ist ein netter Typ. Aber durch sein Zuwarten lässt er die Dinge oft so lange schleifen, dass sie ihm über den Kopf wachsen.
Oft gelingt es dieser Personengruppe, positiv im Alltag zu bestehen, da sie ihr eigenes berufliches Engagement meist selbst bestimmen können. Zudem ist dieser Mensch in der Lage, sich zu entspannen und zu bestimmten Zeitpunkten einfach einmal abzuschalten. Er ist mit sich selbst zufrieden, was wiederum gesundheitsförderlich ist.
Seinen Mitmenschen gegenüber verhält er sich sehr ruhig und entspannt. Er wirkt selbstsicher. Ein Genussmensch, der auch andere meist nicht unter Stress setzt. Innerlich sieht die Gefühlslage besonders unter Druck und Stress ganz anders aus:
– überfordert
– gehetzt
– alles ist zu viel
– will aussteigen.
Aufgrund dieses inneren Stresses sucht der Gemütliche den für Aussenstehende nicht nachvollziehbaren Ausstieg aus der Tätigkeit, überlässt Projekte anderen oder beendet eine angefangene Arbeit abrupt.
Vorbereitendes Arbeiten
In einer vorausgehenden Selbstarbeit streicht jeder Kunde mit zwei Farben1 in ausführlichen Arbeitsblättern die Wörter an, welche auf ihn zu treffen. Die Arbeitsblätter sind alltagssprachlich formuliert. Aus meiner Erfahrung ist die Selbsteinschätzung oft kongruent mit der Auswertung. In jedem Auswertungsgespräch erzählt der Kunde, wie und wo er sich gefunden hat.
Zum Beispiel:
– bevorzugt Abwechslung
– dynamisch und voller Energie
– ehrgeizig und fleissig
– entscheidet gerne selbst
– ist leistungsfähig und ausdauernd.
Durch gezieltes Nachfragen ermuntere ich das Gegenüber zum Erzählen. Im Gespräch höre ich, wie die einzelne Grundrichtung gelebt wird und vor allem, ob diese stimmig ist. Ich achte darauf, wie die Stärken der einzelnen Grundrichtung beschrieben werden und ebenso auf mögliche Konfliktpunkte. Fragen wie z. B. „Wer in Ihrem Team ist genau so leistungsfähig und ausdauernd wie sie?“ geben Aufschluss über das eigene Selbstverständnis und die Lebensgestaltung.
Das dialogische Gespräch ermöglicht dem Kunden eigene Stärken besser zu erkennen oder blinde Flecken zu sehen. Manche Eckpunkte sind einer Person meist durch gewonnene Erfahrungen bewusst geworden. Eine unvollständige oder verzerrte eigene Wahrnehmung führt jedoch fast zwangsläufig zu Fehleinschätzungen und Fehlhandlungen.2 Eine reflektierte und vollständigere Wahrnehmung ermöglicht das eigene Potential auszuschöpfen sowie gegebenenfalls Korrekturen anzusetzen. In diesem Sinne führt ein Testauswertungsgespräch zur Formulierung einer eigenen Betriebsanleitung. Diese Anleitung ist für das eigene Leben hilfreich und auch für Mitmenschen nützlich.
Die inneren Selbstgespräche erkennen
Auf der Bühne des Lebens ist jeder Einzelne die Hauptdarstellerin oder der Hauptdarsteller. Vor ständig wechselnder Kulisse gehen und kommen die Nebendarsteller. Die eigene Rolle ist mittlerweile durch andauerndes Üben perfektioniert.
Jede der vier Grundrichtungen ist wie eine innere Stimme. Der innere Dialog läuft meist automatisch ab. Es lohnt sich genauer hinzuhören, um an Selbsterkenntnis zu gewinnen. Mit dem Bild der Rangliste frage ich anhand der eigenen Bewertung ab, welche Grundrichtung an vorderster Stelle steht bzw. im eigenen Erleben am wenigsten wichtig ist.
Zum Beispiel so:
1. Konsequent
2. Freundlich
3. Geschäftig
4. Gemütlich
Bei einer Entscheidung spielen oft verschiedene innere Stimmen eine Rolle: Hilfreich ist es, wenn diesem „inneren Team“ Beachtung geschenkt wird. Das Testverfahren „Grundrichtung der Persönlichkeit“ kann Ihnen Aufschluss geben, welche „innere Stimme“ sich bei Ihren Selbstgesprächen durchsetzt. Das kann Ihnen helfen, sich selbst in Entscheidungssituationen besser zu führen, denn oft streiten die vier Grundrichtungen miteinander oder eine
Grundrichtung setzt sich als starke innere Stimme durch. Es vereinfacht das Leben, wenn innere Dialoge erkannt und bewusst gesteuert werden.
Diskutieren alle vier Stimmen mit, weil in etwa gleichen Anteilen vorhanden, so zeigt sich dies darin, dass Entscheidungen nur nach intensiven inneren Selbstgesprächen gefällt werden. Es wird abgewogen und jede Stimme auf Vor- und Nachteile hin geprüft. Manchmal kann es dadurch zu einer Pattsituation kommen, die eine Entscheidung zu verhindern scheint oder zu viel Zeit beansprucht, sodass die Entscheidung anderweitig gefällt wird.
Setzt sich hingegen aufgrund ihrer Stärke immer wieder dieselbe Stimme durch, besteht die Möglichkeit der stets einseitigen Entscheidung, die situativ einmal richtig und einmal weniger hilfreich sein mag.
Die vier Stimmen in der Grundform in Entscheidungssituationen:
1. Der Konsequente, der sich 100% sicher sein muss, bevor er eine Entscheidung trifft. Spontane oder unerwartete Entscheidungen sind schwierig für diese Grundrichtung.
2. Der Freundliche, der das Ziel, es allen Beteiligten Recht machen zu wollen, völlig in den Mittelpunkt stellt und dabei sich selbst zurückstellt oder sogar vergisst. Er trägt auch Entscheidungen mit, die er nicht unbedingt gutheisst.
3. Der Geschäftige, der sich gerne Hals über Kopf in neue Aufgaben und schnelle Entscheidungen stürzt, ohne die Vor- und Nachteile abzuwägen.
4. Der Gemütliche, der nicht gerne gedrängt wird, die Freiheit beansprucht zu bestimmen, wann er eine Entscheidung trifft.
Die eigene Bewertung einer Entscheidungssituation liegt je nach persönlichen Anteilen dieser vier Stimmen dann oft schnell auf der Hand. In Teams geben in der Regel jene den Ausschlag, deren Argumente am lautesten, nachvollziehbarsten oder am vernünftigsten erscheinen. Die Frage, die sich dann stellt, ist richtigerweise diejenige, ob diese Stimme das Recht hat, sich in dieser Situation durchzusetzen. Trifft diese Grundrichtung wirklich die beste Entscheidung?
Ergänzung oder Konkurrenz und Interessenkampf
An dieser Stelle ist besonders zu beachten und in sich hin einzuhören, wie der Selbstdialog stattfindet. Entsteht durch das Selbstgespräch eine ganzheitliche Betrachtungsweise im dem Sinne, dass jede Grundrichtung wichtig ist und ihren Anteil in der Entscheidungsfindung hat? Oder setzt sich eine Grundrichtung vehement durch? Eigene Grundrichtungen, welche zurückgedrängt oder übergangen werden, nehmen das sicherlich eine Zeitlang hin. Es stellt sich jedoch die Frage nach den längerfristigen Konsequenzen. Die Biografie einer Person gibt
immer Aufschluss über die Konsequenzen und deren Folgen. Als Beispiel sei hier die Konstellation „Geschäftig“ (hoher Anteil) und „Gemütlich“ (kleinerer Anteil) angeführt. Wird der gemütliche Anteil konsequent über längere Zeit ignoriert, beginnt der Körper bzw. die Seele Symptome zu produzieren: Die Person wird unzufrieden, ist innerlich gestresst oder wird sogar krank bis hin zu einem klassischen Burnout oder einer Herz-Kreislauferkrankung. Da jede Persönlichkeit eine unterschiedliche Ausprägung und Konstellation hat, gilt es, um die eigenen Anteile zu wissen. Steht eine Grundrichtung herausragend da, so ist selbsterklärend, welche Stimme meist die Entscheidungsgewalt hat. Sind zwei Grundrichtungen stark vertreten – wie etwa „Konsequent und Geschäftig“ oder „Freundlich und Konsequent“ – so findet das Zwiegespräch hauptsächlich zwischen diesen beiden Stimmen statt.
Dann gibt es auch die Vierertypen: Jede Grundrichtung ist in etwa gleich stark ausgeprägt. Die persönliche Bewertung spielt dann eine entscheidende Rolle in der Lebensmelodie: „Ich kann vieles, doch nichts wirklich gut“ oder „Mir steht die ganze Welt offen, weil ich alles kann“. Bezeichnend für diese „Typen“ sind ein intensiver innerer Dialog sowie die Eigenheit, von ihrer Umwelt immer wieder einmal anders wahrgenommen zu werden. Es kann sogar vorkommen, dass die Anderen signalisieren, dass man doch etwas Profil zeigen und sich nicht ständig wie ein Chamäleon wandeln soll. Doch gerade das gehört zu den ausgeprägten Stärken dieser Persönlichkeit – sich in alles einfühlen zu können und situativ die passende Handlung abzuleiten und mehrfarbige Entscheidungsmuster zur Verfügung zu haben.
Mögliche innere Konflikte
„Geschäftig“ und „Konsequent“ sind die ergebnisorientierten, nach aussen gerichteten Persönlichkeitsanteile: Durchsetzungsfähigkeit, Ziel- und Resultatorientierung. In unserer Leistungsgesellschaft kriegen diese Grundrichtungen besonders schnell Anerkennung, weil sich entsprechende Erfolge einstellen. In erster Linie bezahlen die Menschen im Arbeits- oder Beziehungsnetz den Preis für das unreflektierte Ausleben dieser Grundrichtung. Die Personen im Umfeld werden zurückgedrängt und übergangen, als nicht wichtig oder als selbstverständlich angesehen. Geschäftige und Konsequente stehen durch ihre Überlegenheit oft (jedoch nicht nachhaltig) als Sieger da.3
Die freundliche Grundrichtung ist sehr um das Gegenüber besorgt und will es auf jeden Fall allen Recht machen und so vermeiden, von anderen abgelehnt zu werden. Der Preis dafür ist hoch. Es wird über viele Jahre hinweg als normal betrachtet, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen oder teilweise gar nicht erst wahrzunehmen. „Steter Tropfen höhlt den Stein“ oder „Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“ – diese beiden Sprichwörter beschreiben treffend das Erleben dieser Grundrichtung, wenn sich die vernachlässigten Bedürfnisse eines Tages „rächen“. Verletzt durch den letzten Tropfen, d. h. die eine ausschlaggebende Handlung (meist Erwartungen, die teilweise über Jahre da waren und nie kommuniziert wurden), wird – wenn das Fass dann überläuft – das Leben plötzlich auf den Kopf gestellt. Diese Affekthandlungen sind für die umstehenden Personen meist völlig unverständlich, verwirrend und schockierend. Für die betroffene Person fühlt es sich jedoch wie die Rettung in letzter Minute an. Mutiger wäre es, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sie sich in jeder Lebensphase bewusst einzugestehen und zu gönnen. Die eigenen Dialoge spielen sich bei dieser Grundrichtung grundsätzlich innerlich ab. Äusserlich lachend, innerlich heulend ist der treffende Beschrieb.
Der Gemütliche hat (bzw. hätte) die grösste Lebensfreude, wenn er sich diese Bedürfnisse zugesteht. Er kann geniessen, sich Zeit nehmen und sich Ruhe gönnen. Er möchte die
Entscheidungen in seinem Leben selbst treffen. Unter dem Druck der Gesellschaft fügt er sich oft in die geforderte Lebenshaltung: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen! Im heutigen Berufsleben gibt es immer noch etwas zu erledigen. Fazit: Manche Menschen ignorieren ihre gemütlichen Anteile andauernd bzw. vertrösten diese auf Wochenenden oder Ferien – was sich besonders dann als äussert schwierig erweist, wenn Familie vorhanden ist. Wenn der Gemütliche seine Freiheit leben kann und nicht muss, d. h. diese Grundrichtung stimmig ist, hat diese Person ein grosses Wohlbefinden und die anderen Grundrichtungen sind in sich selbst viel leistungsfähiger. Wird das Gemütliche ignoriert bzw. für unnützlich erklärt, geschieht das bereits Beschriebene: Die anderen Grundrichtungen werden gezwungen eine Ruhepause einzuschalten. Kürzere Breaks sind dann krankheitsbedingte Fehlzeiten oder komplette Ausfälle.
Der persönliche Nutzen
Gelegentlich bemerken wir, dass wir an Grenzen stossen, immer wieder das gleiche – nicht unbedingt nützliche – Verhalten praktizieren, uns immer wieder mit den gleichen Themen auf die gleiche Art mit Menschen (auf-) reiben.
Wer weiterkommen will, sollte sich mit seiner Grundrichtung beschäftigen, damit er sich und sein Verhalten selbst besser versteht. Wer diesen Schritt tut, dem fällt es auch leichter, andere Menschen besser zu verstehen.
Vielleicht gelingt es uns dann besser, die andere Art zu denken und handeln nur als anders zu sehen und nicht als fremd oder falsch. Vielleicht wird uns dann auch deutlich, dass das Handeln anderer Menschen nicht unbedingt etwas mit uns zu tun hat und sich auch nicht gegen uns richtet. Vielleicht kann sogar erkannt werden, dass im unterschiedlichen Vorgehen eine gute Ergänzung zur eigenen Art liegen kann.
– Grundrichtungen spiegeln Lebensgrundüberzeugungen und somit die Zielgerichtetheit eines Verhaltens wieder. Sie kennzeichnen die Einmaligkeit eines Menschen.
– Grundrichtungen sind wie Visitenkarten. Sie geben einen Überblick über die Person.
– Die Grundrichtungen bringen alle Lebensbereiche des Menschen zur Sprache.
– Erkenne, dass alle Menschen nicht anders handeln können als im Rahmen ihrer eigenen Grundrichtung!
Wissenschaftlicher Hintergrund
Vom Anliegen beseelt, den Menschen zu verstehen, begründete und entwickelte Alfred Adler eine der drei klassischen Schulen der Tiefenpsychologie. Die Individualpsychologie ist ein Instrument, welches das Verhalten von Menschen verständlich macht. Vor allem Adlers Deutung der einzelnen Persönlichkeit und seine Folgerungen bezüglich des Lebensstils bilden eine einfache, anwendbare Technik. Die israelische Psychologin Nira Kefir hat in den 70er- Jahren das Modell der „Grundrichtung der Persönlichkeit“ vorgestellt, welches auf den Grundlagen der Individualpsychologie basiert. Theo Schoenaker, der Gründer des Adler- Dreikurs-Instituts, entwickelte und systematisierte dieses Modell. Die vorliegende Version, basierend auf den Grundrichtungen der Individualpsychologie, wurde in mehrjähriger Arbeit untersucht und von Ruth und Urs R. Bärtschi weiterentwickelt. Das Verfahren „Grundrichtung der Persönlichkeit“ GPI(c) wir mit Erfolg in Beratungs- und Coachinggesprächen eingesetzt. Die Akademie für Individualpsychologie nutzt dieses Verfahren in ihrer Ausbildung.
Autoren:
Ruth Bärtschi (1963), ehem. Leiterin Akademie für Individualpsychologie, Dipl. Individualpsychologische Beraterin, Fachreferentin an Instituten. www.akademie-individualpsychologie.ch
Urs R. Bärtschi (1963), Seminarleiter, Laufbahnberater und Coach BSO, Theologe, langjährige Ausbildungs- und Führungsfunktionen.
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