Selbstvertrauen stärken für ein selbstbestimmtes Leben!

Selbstvertrauen, die Zuversicht, sich auf die eigenen Fähigkeiten, Stärken und Bewältigungsstrategien verlassen zu können, ist für uns Menschen etwas sehr Wichtiges. Die meisten psychologischen Schulen und Richtungen beschäftigen sich damit und verwenden ähnliche Begriffe wie Selbstwertgefühl, Selbstachtung, Selbstsicherheit oder Selbstwirksamkeitserwartung, um die zahlreichen Bedeutungsvarianten und Nuancen dieses Begriffs zu umreissen. Für die Individualpsychologie in der Tradition von Alfred Adler bedeutet Selbstvertrauen die persönliche Überzeugung, mit den möglichen Schwierigkeiten im Leben fertigwerden und durch eigene Kraft die alltäglichen Hindernisse überwinden zu können.
«Wer überwindet, der gewinnt» ist ein Leitspruch Adlers. «Wie kann man sein Selbstvertrauen stärken und sich den Herausforderungen des Lebens gewachsen fühlen?», diesem Thema widmet sich dieser Beitrag.
Was ist Selbstvertrauen? Wie entsteht es?
Die Individualpsychologie versteht Selbstvertrauen als Überzeugung, Herausforderungen des Lebens bewältigen zu können. Diese emotionale Gewissheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Resultat einer ermutigenden Erziehung, die dem Kind und jungen Menschen ermöglicht, Erfolgserlebnisse zu machen und eine Grundüberzeugung zu erwerben, dass das Leben Sinn macht, dass sich Anstrengungen und Einsatz lohnen. Frick (2019, S. 45) bezeichnet Alfred Adler als Begründer einer ermutigenden Psychologie, indem er schreibt: «Die Verwendung des Begriffs der Ermutigung in der Psychologie und der Pädagogik geht auf die Individualpsychologie (ab 1904) zurück». Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen hängen eng miteinander zusammen und geben dem Individuum den Optimismus mit auf den Lebensweg, dass es sich lohnt, dem Leben einen eigenen Sinn zu geben und angesichts von Schicksalsschlägen und seelischen Belastungen nicht zu resignieren. Für Alfred Adler sind Mut und Selbstvertrauen somit Bestandteile von seelischer Gesundheit.

Selbstvertrauen und emotionale Intelligenz
Allerdings reichen Selbstvertrauen und Mut für ein glückliches Leben nicht aus. Dazu braucht es zusätzlich das, was Goleman «emotionale Intelligenz» nannte, also die Fähigkeit, Gefühle bei sich und anderen richtig erkennen, einschätzen und beeinflussen zu können. Er sieht darin eine wichtige Voraussetzung für Erfolg im Umgang mit anderen Menschen, sei dies im Privatleben oder im Beruf (vgl. Goleman 1996). Goleman hat sich an Vorläufer wie Gardner, Mayer, Salovey oder Adler angelehnt. Der Begründer der Individualpsychologie erkannte schon 1918, dass seelische Gesundheit untrennbar mit sozialer und emotionaler Intelligenz verbunden ist. Nur wenn der Mensch mit seinen Mitmenschen auskommt, nur wenn er sich in diese einfühlen und sich selber gleichzeitig verstehen kann, gelingt ihm das Leben. So lässt sich gleichzeitig die langjährige Harvard-Studie zusammenfassen, deren Leiter, der Psychiater Waldinger, dazu rät, seine sozialen Muskeln zu trainieren und stets ins Zentrum des Lebens zu stellen, gute Beziehungen zu pflegen (vgl. Waldinger/Schulz 2024, S. 48).
Selbstvertrauen und Gemeinschaftsgefühl
Für diese Fähigkeit, gute Beziehungen zu pflegen, führte Adler 1918 den Begriff «Gemeinschaftsgefühl» ein. Seelische Gesundheit ist für Adler das Zeichen, gleichsam die Belohnung dafür, dass ein Individuum auf seine soziale Lebenssituation im Sinne des entwickelten Gemeinschaftsgefühls zu antworten vermag. Der Grad an Gemeinschaftsgefühl und Beziehungsfähigkeit charakterisiert den Grad an seelischer Ausgeglichenheit und Gesundheit.
Ob der Mensch später im Leben mutig und empathisch, mit Gemeinschaftsgefühl oder als asozialer Einzelgänger sein Leben und seine zwischenmenschlichen Beziehungen gestalten kann, hängt stark von seinen bisherigen Erlebnissen und Erfahrungen ab. Gemeinschafsgefühl und Selbstvertrauen sind keine angeborenen Eigenschaften, sondern erlernbare Einstellungen, die aus Ermutigung, sozialer Verbundenheit und einem konstruktiven Lebensstil entstehen. Somit ist Selbstvertrauen für Adler die Folge eines entwickelten Gemeinschafsgefühls, das im glücklichen Fall bereits in Kindheit und Jugend gefördert wird, aber auch später im Leben – zum Beispiel in einer Beratung oder einer Psychotherapie – und unabhängig von Herkunft und Begabung gestärkt und weiterentwickelt werden kann.

Wie kann dieser Entwicklungsprozess «Selbstvertrauen stärken» aussehen?
Jeder Mensch kennt laut Adler «Minderwertigkeitsgefühle»: “Bedenkt man, dass eigentlich jedes Kind dem Leben gegenüber minderwertig ist und ohne ein erhebliches Maß von Gemeinschaftsgefühl der ihm nahestehenden Menschen gar nicht bestehen könnte, fasst man die Kleinheit und Unbeholfenheit des Kindes ins Auge, die so lange anhält und ihm den Eindruck vermittelt, dem Leben nur schwer gewachsen zu sein, dann muss man annehmen, dass am Beginn jedes seelischen Lebens ein mehr oder weniger tiefes Minderwertigkeitsgefühl steht“(Adler 1927/2024, S. 78).

In den ersten Lebensjahren entwickelt jeder Mensch eine Grundrichtung, einen «Lebensstil» (Adler), wie er mit diesen Minderwertigkeitsgefühlen umzugehen lernt. Im günstigen Falle, wenn Erziehung und Sozialisation ermutigen, fördern und unterstützen, nutzt das Kind die vielen unbekannten Situationen im Leben, um dazuzulernen. So lernt es zum Beispiel die Sprachen seiner Umwelt, um mit den anderen Menschen kommunizieren zu können. Es überwindet die alltäglichen Schwierigkeiten und erwirbt so das Selbstvertrauen und die Zuversicht, dem Leben gewachsen zu sein. Im ungünstigen Falle wirken Elternhaus und Schulen entmutigend auf das Kind, den Jugendlichen ein, so dass im jungen Menschen verstärkte, intensivere und schmerzhafte Minderwertigkeitsgefühle die Überhand gewinnen. Eine mögliche Folge vertiefter Minderwertigkeitsgefühle sind Rückzugs- oder Resignationstendenzen, um sich vor möglichen Gefahren und Niederlagen zu schützen. Oder der betreffende Mensch versucht bewusst oder unbewusst, sich fehlerlos und perfekt zu verhalten, um jeder möglichen Kritik präventiv zu entgehen. Eine andere Möglichkeit ist das Untertreiben, das Verweisen auf andere Menschen, die einen Auftrag besser erfüllen könnten. Ein Beispiel für diese Einstellung ist die bekannte Schauspielerin Nicole Kidman, sie meinte:
«Ich habe kein besonders grosses Selbstvertrauen. Damit ringe ich schon mein ganzes Leben lang. Wenn mir eine Rolle angeboten wird, bin ich der Typ von Schauspielerin, die darauf mit Vorschlägen von zehn besseren Schauspielerinnen reagiert. Nein, nein, nein, die und die sind viel besser. Das war sogar bei ‚The Hours’ so. Meine Agenten reagieren immer genervt mit ‚Sei ruhig, hör auf!’. Ich weiss nicht, ob das etwas damit zu tun hat, dass ich Australierin bin. Meine Eltern haben mir nie erlaubt, grössenwahnsinnig zu werden, und haben mich immer ermahnt: ‚Du musst durch die Tür passen! ’ ». (Onlineausgabe Aargauer Zeitung, 16. Dez. 2007)
Zur Tragweite von Erziehung und Sozialisation
Kidman erahnt, dass ihr nicht „besonders grosses Selbstvertrauen“ unter anderem mit ihrem Elternhaus zusammenhängt. Diese Einsicht kann ein Schritt zur Veränderung sein. Gut gemeinte Hinweise der Eltern, nicht grössenwahnsinnig zu werden, sondern die eigenen Grenzen zu erkennen, können bei Kindern oder Jugendlichen den Eindruck hinterlassen, später im Leben weniger als andere zu können. Eine individualpsychologische Beratung kann helfen, solche Zusammenhänge bewusst zu machen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, sich selber weniger Grenzen zu setzen.
Weitere Methoden, um das Selbstvertrauen zu stärken
«Nichts ist so erfolgreich wie Erfolg», sagte Alfred Adler. Jedes Gelingen im Leben stärkt unser Selbstvertrauen und lässt uns mit mehr Zuversicht in die Zukunft blicken. «Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern», empfahl der deutsche Philosoph Ernst Bloch. Misserfolge wie eine lange dauernde Arbeitslosigkeit mit vielen Absagen nagen an unserem Selbstwert. Für schwierige Lebenssituationen brauchen wir Freundinnen und Freunde, die uns stärken und ermutigen. Ermutigung durch wohlwollende Menschen ist wichtig für unser Selbstvertrauen.
Jeder Mensch muss aber auch selber seinen Beitrag leisten, zum Beispiel indem er sich für die jeweiligen Lebensaufgaben vorbereitet. Übung macht die Meisterin. «Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen», lautet das dazu passende Sprichwort. Niemand wird ohne Übung und Anstrengung ein Experte in etwas. Menschen, die etwas gut können und stolz darauf sind, haben es durch Übung und harte Arbeit, durch eigene Bemühungen gelernt. Erfolgreiche Pianistinnen und Pianisten konnten nicht sofort so gut spielen, sondern sie haben meistens früh mit dem Üben begonnen. Zum Erfolg gibt es keine Abkürzungen, Fehler gehören zum Lernprozess.

Der Psychologe Fabian Grollimund spricht von der «Methode des produktiven Scheiterns», wenn Menschen dadurch angespornt werden, dass sie etwas noch nicht können. «Noch» nicht, sagen sie sich, bald wird es gelingen. Sie sind ins Gelingen verliebt. Fehler gehören dazu, wichtig ist, sie ein nächstes Mal nicht mehr zu wiederholen. Oder sicher nicht ein übernächstes Mal. Das Selbstvertrauen des Menschen wächst dadurch, dass er geduldig lernt, kleine Fortschritte zu schätzen und nicht zu erwarten, dass man alles sofort kann.
Geduld und Selbstvertrauen stärken
Die Individualpsychologie betrachtet den Menschen als soziales Wesen. Unser Selbstvertrauen wächst, wenn wir unser Eingebundensein in die menschliche Gemeinschaft erkennen und uns als Teil eines sozialen Ganzen erleben. Was wäre ein Tennismatch ohne Siegerehrung, bei der möglichst viele Menschen jubeln und klatschen? Für diesen Moment der Anerkennung durch die menschliche Gemeinschaft strengen sich die Sportlerinnen und Sportler monate-, ja jahrelang an. Der Mensch braucht das Gefühl der Verbundenheit und der Zugehörigkeit, dann erlebt er sich als wertvoll und selbstbewusst. Auf diesem Weg kann die Individualpsychologie hilfreich unterstützen.

Fazit: Warum die individualpsychologische Sicht von Selbstvertrauen hilfreich ist
Eine Stärke der Individualpsychologie liegt darin, dass sie Selbstvertrauen nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil der Gesamtpersönlichkeit. Sie berücksichtigt so wichtige menschliche Bedürfnisse wie diejenigen nach Autonomie, sozialer Zugehörigkeit und Selbstachtung und vermeidet die Gefahr, nur einzelne Strebungen zu fördern. Wer zum Beispiel nur ein guter Pianist ist, ohne sich selber und seine Mitmenschen zu verstehen, wem die emotionale Intelligenz und Adlers Gemeinschaftsgefühl fehlen, wird einsam bleiben, wie jener Mensch, den Erich Kästner so beschrieb: Er war bekannt, berühmt und immer dabei. Aber als er einmal nicht mehr dabei war, vermisste ihn niemand…
Auch die Olympiasiegerin wird sich nur wirklich über ihren Sieg freuen können, wenn sie ihn mit Freundinnen und Freunden feiern kann. Stolz und Selbstvertrauen kann man nicht züchten wie Pflanzen, das verstand Alfred Adler. Für ihn ist Selbstvertrauen stärken das Ergebnis eines geglückten Menschseins und entsteht aus Ermutigung, sozialer Eingebundenheit und der Erfahrung eigenen Könnens. Und wie wir soweit kommen können, das zeigte uns Adler in seinen vielen Vorträgen in seinen zahlreichen Schriften.
Quellenverweise
Adler, Alfred (1927/2024): Menschenkenntnis. Hrsg. J. Rüedi. Reclam-Verlag, Stuttgart.
Frick, Jürg (2019): Die Kraft der Ermutigung. 3. Auflage. Hogrefe, Bern.
Goleman, Daniel (1996): Emotionale Intelligenz. Hanser, München.
Waldinger, Robert/Schulz, Marc (2024): The good life …und wie es gelingen kann. Kösel, München.

Autor:
Prof. Dr. phil. Jürg Rüedi, Individualpsychologischer Psychotherapeut, Dozent, Leiter von www.disziplin.ch
Prof. Dr. phil. Jürg Rüedi, ist auch Dozent an der Akademie für Individualpsychologie AFI zum Thema «Neurowissenschaften und die Individualpsychologie».
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